ANNA JERMOLAEWA – A Noble Experiment
Kunsthalle im Kunsthaus Nexus
Dauer: 21.5. bis 8.7.und 25. bis 28.8.2016
Die Ausstellung wurde gefördert von "Salzburg 20!16".

Vernissagenrede, Petra Noll, Kuratorin:

Diese Ausstellung erhielt eine Sonderförderung von Salzburg 20!16, der diesjährigen Landesausstellung anlässlich des 200jährigen Jubiläums der Stadt, die 1816 von Bayern zu Österreich kam. Hier gibt es auch eine zeitgenössische Schiene. Inhaltlicher Schwerpunkt von Salzburg 20!16 ist die Auseinandersetzung mit Heimat, Fremde, Identität, Geschichte und Grenzen. Anna Jermolaewa ist eine gesellschaftskritische, politische Künstlerin, die aufgrund ihrer Tätigkeit in einer Oppositionspartei mit 19 Jahren aus ihrer Heimat Russland flüchten musste und bei ihrer Ankunft in ihrer neuen Heimat Wien das Aufeinanderprallen östlicher und westlicher Vorstellungen, das Fremdsein/-fühlen, die Existenzschwierigkeiten erleben musste, aber auch die neuen sich bietenden (künstlerischen) Möglichkeiten ergriffen hat. Grundsätzlich stehen die existentiellen Probleme der Menschen – speziell der Randgruppen der Gesellschaft –, deren Ängste, Sehnsüchte, Identitätsprobleme und Überlebenskämpfe in einer von Kontrolle und Machtstrukturen geprägten Gesellschaft im Mittelpunkt ihrer hintergründig-humorvollen und metaphernreichen, dem Alltag entnommenen Arbeiten. Häufig arbeitet sie mit auf den Menschen bezogenen Tier-Metaphern wie bei der dreiteiligen Fotoarbeit Good Times, Bad Times von 2007, in der es – je nach Stellung der Uhrzeiger, also Viertel vor Drei ist besser als fünf vor Zwölf – den Tauben auf der Uhr besser oder schlechter geht.

Die von ihr für die Kunsthalle Nexus konzipierte Ausstellung weist in erster Linie neue Arbeiten in Form von Filmen, Fotos und Objekten auf. Ihre Alltagsgeschichten sind, wie auch hier, häufig mit der Historie verknüpft, um hieraus für gegenwärtige Fragestellungen zu schöpfen. Sie hat als Basis für die Ausstellung das Schicksal einer – wenn auch nur temporär – ebenfalls von Ost nach West gekommenen Künstlerpersönlichkeit gewählt, ihren Landsmann, den Filmregisseur Sergei Eisenstein (1898–1948). Nach großem Erfolg in seiner Heimat Russland – u.a. mit dem 1925 in Moskau uraufgeführten, vom Staat beauftragten Meisterwerk „Panzerkreuzer Potemkin“, der Geschichte des Matrosenaufstands von Odessa im russisch-japanischen Krieg von 1905 – ist er 1930 voller Hoffnung auf eine noch strahlendere Zukunft einer Einladung von Paramount nach Hollywood gefolgt. Er war unter Vertrag genommen worden und wollte drei Filmprojekte realisieren. In Los Angeles scheiterte er an dem restriktiven Studiosystem in Amerika, an konträren politischen und künstlerischen Vorstellungen und seiner daraus resultierenden Zweifel. Als „A Noble Experiment“, so auch der Titel der Ausstellung, beurteilte der Aufnahmeleiter von Paramount süffisant die Zusammenarbeit mit Eisenstein bei dessen Entlassung – ein Begriff, der damals von den Amerikanern zur Beschreibung des sowjetischen Regierungssystems verwendet wurde. Es war ein doppeltes Scheitern, denn nach seiner Rückkehr in die Heimat konnte er in dem inzwischen hier etablierten Stalin-System an seinen früheren Erfolg nicht mehr anschließen. Ein Fremder nicht nur in der Fremde, sondern nun auch in der Heimat.

Für seine erfolgreiche Zeit stehen die 108 SW-Kaderfotos (Fahne / Reeanctment) in der Galerie, sie zeigen die gehisste Revolutionsfahne aus dem letzten Teil des Films „Panzer-kreuzer Potemkin“. Die Flagge wurde in dem SW-Film bewusst in Weiß gedreht, um sie sodann Kader für Kader besser in Rot handkolorieren zu können; dies hat Jermolaewa in einem Reenactment – einem dem großen Meister huldigenden Akt – wiederholt. Die Ausstellung funktioniert mehrgleisig. Zum einen geht es um die Darstellung der Diskrepanz östlicher und westlicher Werte, die auch heute unterschiedlicher nicht sein könnten. Eisenstein, der tatsächlich daran glaubte, es könnte ein kommunistisches System in Amerika etabliert werden, hat das Land verschieden erlebt – als verheißungsvollen Ort mit der Vision „alles ist möglich“ und Heimat seiner Freunde, der beiden großen Meister des amerika-nischen Films, Charlie Chaplin und Walt Disney, und andererseits als Platz, wo seine künstlerischen Pläne scheiterten. Eine Collage historischer Fotos zeigt Eisenstein mit den beiden Freunden, Salka Viertel und Rin-Tin-Tin. Auf der Basis von Notizen von Eisenstein, seinen Mitstreitern und Freunden wie z.B. der Schauspielerin Salka Viertel ist Jermolaewa seinem Weg in Los Angeles gefolgt und hat nicht nur versucht, Eisensteins Probleme als Künstler und als Mensch in einem fremden Land nachzuvollziehen, sondern ist auch auf eine Stadt mit vielen gescheiterten Existenzen gestoßen. Beispielsweise begegnete sie einem Obdachlosen – Ironie des Schicksals –, der eine Tafel mit den Worten „Trying to survive“ hochhielt. Dies ist der Titel eines hier auch laufenden symbolhaften Videos (2006), in dem Stehaufmännchen verzweifelt um Lebensbalance ringen bzw. an gesellschaftlichen Anpassungsforderungen scheitern.

Über den Weg durch L.A. hat Jermolaewa einen Werkkomplex realisiert, bestehend aus einem Film in zehn Kapiteln – wie Eisensteins „Potemkin“ – sowie zahlreichen Fotos. Jermolaewa hat zahlreiche Stationen seines Lebens dort aufgesucht, u.a. die Villen von Eisenstein, der österreichischen Schausspielerin Salka Viertel und Charlie Chaplin, Paramount, aber auch Orte wie das 1955 gegründete Disneyland. Viele Gebäude blieben ihr verschlossen, waren abgerissen oder sind für andere Dinge wiederverwendet worden, was sie nicht davon abhielt, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen für Interventionen zwischen Fiktion und Realität. Auf dem Plakat bzw. auf einem Foto hier sehen wir sie, wie sie eine Kamera in die verschlossene Villa von Chaplin blicken lässt. In einer für sie typischen äußerster Konsequenz suchte sie auch eine Psychoanalytikerin auf und sprach mit ihr über ihr künstlerisches Projekt; sie folgte damit strikt Eisensteins Weg, der aufgrund seiner künstlerischen Zweifel in Depressionen verfallen war und sich für viel Geld und geringen Erfolg vom Psychoanalytiker von Charlie Chaplin behandeln ließ.

Seine künstlerischen Probleme waren bei der Konzeption des Filmes The Glass House aufgetreten, dem ersten Projekt, das Eisenstein Paramount vorgeschlagen hatte und das er bereits 1926 begonnen hatte, immer wieder veränderte und im Mai 1930 abbrach. Wie bei allen seinen drei in Amerika entwickelten Filmen sind nur die Storyboards erhalten; eines davon hat Jermolaewa als große Neonskulptur nachgestalten lassen und legt damit den Fokus auf dieses Projekt. Eisenstein verstand das Glashaus zum einen als Modell eines neuen, „grenzenlosen“ filmischen Raums, zum anderen als polemische Antwort auf Fritz Langs Film „Metropolis“ (1925/26), der eine futuristische, in zwei Klassen geteilte Großstadt schildert, aber vor allem auch auf die gläserne Wolkenkratzer-Architektur von Amerika. Die endgültige Version des Films schildert, wie ein alter Architekt einen gläsernen Wolkenkratzer baut. Ein Poet macht darauf aufmerksam, dass es kein harmonisches Miteinander gibt, sondern dass die Menschen trotz der gläsernen Wände voneinander isoliert sind. Dies führt nicht zur Erleuchtung, sondern zu Hass und Katastrophen und letztlich zur Zerstörung, die anscheinend ein Roboter, aber in Wirklichkeit der Architekt selbst vollführt. Die Zerstörung kann, wenn man den Film als Kritik an einer hierarchischen kapitalistischen Gesellschaft mit Reichen und Armen, Isolierung und Entfremdung liest, als Befreiung verstanden werden. Und dann gibt es aber auch die Begeisterung von Eisenstein für den gläsernen Wolkenkratzer (deshalb hängt das Neonbild hier sehr hoch) – eine Paradoxie, die viel von Eisensteins künstlerischer Zerrissenheit widerspiegelt.

Das Wort Grundproblem steht als Neonschrift signalhaft in der Ausstellung. Dabei handelt es sich um einen ästhetischen Begriff, der für das Verhältnis bzw. die paradoxe Verbindung von logisch und sinnlich, kognitiv und emotional, rational und irrational, bewusst und unbewusst in der Kunst steht. Damit hat sich Eisenstein jahrelang beschäftigt; es beinhaltet die Frage, wie man in der Kunst den ganzen Menschen erreichen kann, ihm gleichzeitig sinnliches Vergnügen bereiten, aber auch Bewusstsein für kritische Reflektion schaffen bzw. den reflektierenden Intellektuellen hervorlocken kann.

Immer wieder findet sich Disney in der Ausstellung, nicht nur in Form der beiden Micky-Maus Gäste auf der Balustrade. Es geht einerseits um Walt Disney, den Eisenstein für seine bunte Animationskunst verehrte, mit der es diesem gelang, die arbeitende Bevölkerung gut zu unterhalten und damit zumindest zeitweise die tägliche Last vergessen ließ. Dies musste für einen Künstler, der doch so ganz anders im Genre Sowjetfilm arbeitete, äußerst zwiespältig gewesen sein. Andererseits ist es die heutige Disneyland-Welt, an der sich die skurrilen Auswüchse der westlichen, artifiziellen Entertainmentindustrie festmachen lassen. In dem Video Fitting In, aufgenommen in Disneyland, bewegen drei künstliche Möwen auf einer Boje ruckartig ihre Köpfe, geben Töne von sich und wackeln mit den Flügeln – skurriler Kontrapunkt ist eine echte Möwe, die sich diesen angepasst (fitting in) zu haben scheint mit ihren Bewegungen. Neben Tieren nimmt Jermolaewa auch gerne Spielzeug oder Masken als Metapher: In dem Film Kiss (2006) lässt sie ein Mickymaus-Masken tragendes Paar, unterlegt mit einer scheinbaren Comicsprache, aufeinanderstoßen. Aus einem anfänglichen zärtlichen Berührungsspiel wird aggressives Verhalten, das darin endet, dass jeweils die Maske des anderen zerfetzt wird. Die Verwendung der Mickymaus für die Darstellung dieser viel-schichtigen Paarbeziehung, spiegelt die Spannung wider, die in dieser scheinbar harmlosen, mit zahlreichen Assoziationen belegten und weltweit vermarkteten Figur liegt. An der Wand unter der Galerie hängt der Werkkomplex Disney-Look mit einem Video, Texten der 1970er-Jahre und einem dem Bart von Walt Disney nachempfundener Neonbart als Objekt. Diese Arbeiten reflektieren in humorvoller Weise den sogenannten Disney-Look, strenge Verbote für Mitarbeiter für Kleidung, Rauchen, Essen, Kosmetik, aber vor allem für die Gesichtsbehaarung. Als 1955 Disneyland eröffnet wurde, untersagte Walt Disney, selbst Bartträger, den Angestellten Bart zu tragen, um einen adretten und professionellen Eindruck zu erreichen. 2000 folgte die Sensation: Schnauzer wurden enttabuisiert, Oberlippenbärte erlaubt. Seit 2012 dürfen männliche Angestellte Bärte tragen, die nicht über 13 Millimeter hinausgehen, auch wenn die Auflagen noch immer nicht ganz verschwunden sind. Jermolaewa hat mit etlichen Angestellten verschiedener Generationen über diese Zwangsverordnung und ihr Verhältnis dazu gesprochen und daraus einen Film gedreht, der dieses Verbot ironisiert und gleichzeitig als Eingriff in die persönliche Freiheit kritisiert.

In dieser Ausstellung hat Jermolaewa die Schaffensperiode von Eisenstein in Amerika mit ihrer eigenen Auseinandersetzung verknüpft, um letztlich zu allgemeingültigen Aussagen über Werte wie Heimat, Identität und Existenz zu kommen sowie zu einer Auseinander-setzung mit den Wertesystemen von Ost und West – heute wieder aktueller denn je.

 

Biografie Anna Jermolaewa.  *1970 in Sankt Petersburg (RU), lebt und arbeitet in Wien (AT). 1998 Abschluss des Kunstgeschichte-Studiums an der Universität Wien. 2002 Abschluss des Studiums an der Akademie der bildenden Künste Wien (Klasse für Kunst und digitale Medien), Wien. 2005–2010 Professorin für Medienkunst, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe / ZKM, Karlsruhe (DE). Preise und Stipendien (Auswahl): 2014 Artist Residency / New York Studio Grant, ISCP, BMUKK. 2011 Outstanding Artist Award. 2006 T-Mobile Art Award. 2004 Förderungspreis der Stadt Wien. 2002 Ursula Blickle Förderpreis. 2002 Pfann-Ohmann-Preis. 2000 SCA Kunstpreis. 2000 Professor-Hilde-Goldschmidt-Anerkennungspreis. 1999 Römerquelle-Preis. Einzelausstellungen (Auswahl): 2016 Anna Jermolaewa, Kerstin Engholm Galerie, Wien. 2015 Anna Jermolaewa. Good Times, Bad Times, Zacheta National Gallery of Art, Warschau und WRO Art Center, Breslau (PL). Kiss, Motherhood, Untitled, Function Room, London (GB). 2013 A sort of homecoming: Anna Jermolaewa und Audronė Vaupšienė, CAC, Vilnius (LT). 2012 Anna Jermolaewa, Kunsthalle Krems, Krems (AT). Art is Concrete. And so is Truth?, Camera Austria, Graz (AT).Das vierzigste Jahr, Salzburger Kunstverein, Salzburg (AT). 2011 КИНОГЛАЗ/KINOGLAZ, XL Gallery, Moskau (RU). Step aside, Institute of Contemporary Art, Sofia (BG). 2009 Anna Jermolaewa, Kunstverein Friedrichshafen, Friedrichshafen (DE). 2006 Orchestra reloaded, BA-CA Kunstforum, Wien. 2004
Museum Moderner Kunst, Passau (DE). 2002 Anna Jermolaewa, Galerie Johann König, Berlin (DE). Ursula-Blickle-Stiftung, Kraichtal-Unteröwisheim (DE). 2000 Anna Jermolaewa, Institute of Visual Arts, Milwaukee (US), Quartett, Im Pavillon, Wels (AT). Zahlreiche Gruppenausstellungen im In- und Ausland. www.jermolaewa.com

 

Bildunterschriften:

01: Sergei Eisenstein Villa, Coldwater Canyon, 9481 Readcrest Drive, LA 2016, C-Print (Detail), Foto: Manfred Grübl

02: In der Ordination von Dr. Sheenie Ambardar, Beverly Hills, L.A. 2016, C-Print

03: Hollywood Hills, Temple Hill Drive, auf dem Weg zur Villa von Charlie Chaplin, LA 2016, aus: Ohne Titel, 2016, Video, Beamer-Projektion

04: aus: The Disney-Look, 2016, Video, 12:24 min.

05: aus: Trying to Survive, 2000, Video, 3 min.

06: aus: Kiss, 2006, Video, 3 min.

 
 
 
 
 
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