MARTIN SCHNUR – NATURAL-METAPHER
Kunsthalle im Kunsthaus Nexus, Saalfelden
 
Dauer: 8.4.– 12.5.2017
 
Rede zur Vernissage, Petra Noll-H, 7. April 2017

Unter dem Titel „Natural-Metapher“ zeigt Martin Schnur in der Kunsthalle Nexus zum größten Teil ganz aktuelle, vor allem in den letzten beiden Jahren entstandene großformatige Ölbilder auf Leinwand bzw. Kupfer sowie Pastelle auf Papier. Der als Bildhauer ausgebildete Künstler, ist im Laufe der Jahre immer mehr zur Malerei gekommen, zu einer realistischen, figurativen, detailreichen Malerei mit abstrahierenden Tendenzen. Schnur vereint meist zwei oder mehrere Bilder in einem Gemälde. Seit über 10 Jahren wendet er ein selbst entwickeltes, für ihn typisch gewordenes Bild-im-Bild-Verfahren an. Dieses besteht aus unterschiedlichen Raum- und Wirklichkeitsebenen, aus parallelen, autonomen Bildwelten. Es wird keine lineare Erzählung geboten, vielmehr besteht jedes Bild aus einer Ansammlung von Bruchstücken der gegenwärtigen Realität. In Verbindung mit fiktiven Elementen kreiert Schnur daraus Bilder mit neuen Aussagen. Man kann aus dieser Vereinigung vieler Perspektiven in einem Werk auf seine Auseinandersetzung mit Dreidimensionalität bzw. Vielansichtigkeit von Skulptur während seiner bildhauerischen Ausbildung schließen. In dieser Ausstellung spielen vor allem Landschaften wie Wald-, Wiesen- und Teichstücke, zum Teil kombiniert mit inszenierten jungen Menschen, eine wesentliche Rolle. Zunächst wirken die Bilder – auch aufgrund des Einsatzes von Licht – romantisch-paradiesisch; schnell verwischt sich dieser Eindruck durch die collageartig aufgebauten, „gebrochenen“ und teilweise ins Surreale deutenden Kompositionen. Die oft fragmentarisch dargestellten Motivfelder stoßen kontrastreich aufeinander, verschachteln und zerteilen das Bild, schieben sich ineinander, werden nur manchmal durch eine Figur oder ein Element aus der Natur – wie dem Zweig in Übergang zur blauen Zone“ – miteinander verbunden. Oft sind es geometrische Flächen („Gekippte Situation“, „Fliegende Schatten“, „Ohne Titel (Füße)“, die zu natürlichen, weichen Formen in Kontrast stehen oder auch Rahmen, die ins Bild ragen, wie bei „Ohne Titel (Füße)“ und auf Begrenzung bzw. Innen/Außen verweisen. Die dargestellten Menschen befinden sich selten auf der gleichen Bildebene wie die Landschaften. So wirken die beiden jungen, leger bekleideten Männer, die am Bildrand von Schnurs aktuellem, der Ausstellung den Titel gebenden Bild „Natural-Metapher“ platziert und nur von der Seite zu sehen sind, wie distanzierte Betrachter der sich vor ihnen öffnenden Landschaften – weit entfernt von einem ro-mantischen Einssein mit der Natur. Die Figuren bei Schnur sind häufig in eigentümlichen Posen, oft liegend dargestellt, aus der Mitte genommen, abgewandt, fragmentarisch, isoliert und in sich gekehrt, ohne Blickkontakt zum Betrachter und ohne eine nachvollziehbare Tätigkeit ausführend. In Schnurs Ausstellungen sind immer die Titel wichtig, zum einen die Ausstellungstitel wie hier „Natural-Metapher“ oder auch „Schein“, „Vorspiegelung“, „Peripheria“, „Zonen-Netzwerk“ (gerade im deutschen Landshut laufend), die immer etwas von dem Trügerischen, Illusionären, Fragmentarischen und Ge-heimnisvollen seiner Bilder in sich tragen und dennoch offen bleiben. Auch die Titel der Bilder sind meist offen, mehrdeutig. In dem Bild „Desillusion“ ist es ein von hinten gespiegelter und dadurch – wie eine Skulptur – mehransichtiger, aus einem Innenraum in eine Landschaft hinaustretender, selt-sam beleuchteter nackter junger Mann, dessen Inneres trotz des Bildtitels unergründlich bleibt. In „Gekippte Situation“ (Galerie) liegt eine nackte Frau – eingefroren in einer Bewegung und horizontal komponiert – auf einer über einem See schwebenden, undefiniertbaren Fläche, in der sie sich spiegelt. Der Titel lässt sich kompositorisch verstehen, das psychische Gekipptsein bleibt eher offen, denn die Figuren geben grundsätzlich nicht viel preis von ihrem Innersten. Schnur treibt aufgrund seiner Verweigerung eindeutiger Narrationen und üblicher bzw. logischer Ordnungen ein verwirr-endes Spiel mit Wirklichkeit und Traum, mit Wahrheit und Illusion. Ohne sozialkritische Ambitionen formuliert er einen gegenwärtigen Seinszustand, der bestimmt ist von Ungewissheit, Unsicherheit und Fragilität. Die Landschaften als Projektionsfläche seelischer, wenngleich auch mysteriös bleiben-der Zustände. In einer intimen, kabinettartigen Situation, mit unterlegtem Grau sind in der Galerie verschiedene, ak-tuell entstandene Landschafts-Pastelle zu sehen, in denen ebenfalls kantige auf weiche, atmos-phärische Farbflächen stoßen. In den unbetitelten Arbeiten geht es noch weniger um das Erzähler-ische, sondern in erster Linie um die Auseinandersetzung mit Form bzw. Komposition und Farbe so-wie um das Einfangen von Stimmung und Gefühlen. Aber es finden sich auch, wie der Ausstellungstitel schon suggeriert, allgemein bekannte Metaphern und Symbole, die scheinbar Anhaltspunkte zur Entschlüsselung der Darstellungen geben. Die in sei-nen (auch schon in früheren) Bildern eingesetzten Spiegel (hier: „Ohne Titel (Füße)“ und „Des-illusion“) sind zum einen Symbol für Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und dem Bemühen um Selbsterkenntnis. Zum anderen erlaubt der Spiegel einen andere Sicht auf die Wirklichkeit. Die Realität, die bereits durch die Malerei ins Illusionäre übertragen wird, wird dadurch, dass sie sich spiegelt – und dazu noch seitenverkehrt – ein weiteres Mal gebrochen – ein zusätzlicher Aspekt, die Wirklichkeit zu sehen. In den Bildern „Fliegende Schatten“ werden Teppiche in Landschaften posi-tioniert. Der Teppich in fliegender Form, wie hier, ist ein Motiv aus dem Märchen und verweist auf die Überwindung von Zeit und Raum und die damit verknüpfte Bewusstseinsveränderung. Das Spinnen-netz kommt zwei Mal vor in der Ausstellung, im „Meta-Netzwerk“ und im kleineren „Netzwerk“. Die kunstvoll-fragile Konstruktion des Spinnennetzes ist nicht nur eine große malerische Herausforderung, sondern es trägt auch viel Bedeutungshaftigkeit wie die Assoziation zu Sonnenstrahlen oder auch zur digitalen Vernetzung in sich. Und in ihm steckt auch, da das Spinnennetz als Falle gebaut ist, das Trü-gerische, die Illusion sowie die Angst vor dem Eingefangenwerden und sich Verstricken ohne Mög-lichkeit des Entkommens. Trotz aller Metaphern und geht es Schnur immer auch um das Malen an sich, um Farbe, Form und Komposition. Er verwendet traditionelle Techniken bzw. Malmittel wie Öl, Pastell, Blatt- und Weißgold, malt nicht nur auf Leinwänden, sondern auch auf in der Barockzeit gerne verwendeten dünnen Kupferplatten wie z.B. bei „Desillusion“, „Train“ und „Netzwerk“ und erreicht damit ein leuchtendes, rötliches Schimmern, eine emaillehafte Farbigkeit. Auf Grund der Schwere des Materials wird es von Schnur – wie früher – nur für kleine Formate verwendet. Licht ist, wie wir gesehen haben, eine maler-ische Herausforderung, wobei er alte Meister wie unter vielen anderen Caravaggio oder Velazquez verehrt. Sonnenlicht und die begleitenden Schatten sowie glänzende, Licht reflektierende Flächen tauchen Landschaftsräume in ein illusionäres Licht. Anhand der Arbeiten der Ausstellung stellt sich die Frage nach dem Stellenwert von Malerei in einer Zeit, in der scheinbar die neuen Medien die Vorrangstellung haben. Trotz der Verwendung traditioneller Techniken und Malmittel hat Schnur einen eigenen bildnerischen Stil entwickelt, der der Vielschichtigkeit unserer Zeit Rechnung trägt. Schon in der klassischen Moderne wurden die akademischen Regeln der Vorgängerzeit gekippt; es ging nicht mehr darum, etwas im traditionellen Sinn „schön“, „naturgetreu“, farbharmonisch und perspektivisch perfekt abzubilden. Den Umbruch prägte eine Vielzahl unterschiedlichster künstlerischer Konzepte wie unter anderem Kubismus, Futurismus, Expressionismus, Surrealismus, Dada-ismus. Und auch danach bis heute steht interessante Malerei immer im Kontext von Weiterentwicklung und Innovation bzw. der Infragestellung des vorher Gültigen. Den zeitgenössischen Malern stehen heute technisch und stilistisch alle Türen und Tore offen auch in Hinblick auf die Erweiterung des malerischen Raums hin zu anderen Medien wie Installation, Video u.v.m. Interessante Malerei beginnt bei spannungsvollen Bildfindungen, die sich nicht damit begnügen, die sichtbare Wirklichkeit so naturgetreu wie möglich abzubilden, sondern denen es vielmehr durch eine künstlerische Verdichtung gelingt, den Geist der Zeit zu erfassen und die gleichzeitig dazu animieren, sich mit den Möglichkeiten des Mediums ‚Malerei“ immer wieder neu auseinanderzusetzen.

 Kurz-Biografie

* 1964 in Vorau (Steiermark). 1982–1985 Kunstgewerbeschule Graz. 1985–1990 Akademie der bildenden Künste Wien, Bildhauerei bei Joannis Avramidis. Einzelausstellungen (Auswahl): 2017 Galerie Bechter Kastowsky, Wien. 2015 „Desillusion“, Galerie Bechter Kastowsky, Wien. 2014 „Peripheria“, Galerie Bechter Kastowsky, Wien. „Zonenschub“, Museum Hartberg. 2013 „Vorspiegelung“, Sammlung Essl, Klosterneuburg. 2009 „bipolar“, Lukas Feichtner Galerie, Wien. 2008 “Schein“, Augarten Contemporary, Wien. 2005 Kunsthaus Muerz, Mürzzuschlag. Galerie Schafschetzy, Graz. 2004 „Martin Schnur“, Lukas Feichtner Galerie, Wien. 2003 „Martin Schnur“, Galerie Binz & Krämer, Köln. „Martin Schnur. placing shadows“, Museum der Moderne Rupertinum, Salzburg. 2002 Heliogravuren der Serie „placing shadows“, Kupferstichkabinett der bildenden Künste Wien. „Where will you spend eternity“, Galerie Feichtner & Mizrahi, Wien. 2001 „Martin Schnur. Anonyme Räume“, Galerie Schafschetzy. steirischer herbst, Graz. 2000 „Martin Schnur“, T19-Galerie für zeitgenössische Kunst, Wien. „Die Bewegung am Rande eines Horizonts als Beginn möglicher Angriffe“, Neue Galerie Graz. 1998 „Infinity“, Galerie am Kirchplatz, Hartberg. „Shots in the dark“, Galerie Atrium ed arte, Wien. 1997 „Interference-Blue“, Galerie Schafschetzy, Graz. 1993 „Martin Schnur“, Galerie von der Milwe, Aachen. 1991 „Martin Schnur“, Galerie Würthle, Wien. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland seit 1991.   www.martinschnur.com

 

Bildunterschriften

Fotos: Daniela Beranek, Courtesy: Galerie Bechter Kastowsky, Wien

01 Ohne Titel, 2013, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm

02 Natural-Metapher, 2016, Blattgold auf Leinwand, 200 x 300 cm

03 Desillusion – Vorraum #4, 2015, Öl auf Kupfer, 100 x 90 cm

04 Train, 2016, Öl auf Kupfer, 61 x 46 cm

05 Ohne Titel, 2016, Pastell auf Papier, 56 x 42 cm

06 Netzwerk, 2016, Öl auf Kupfer, 61 x 46 cm

07–14: Ausstellungsansichten Kunsthalle Nexus 2017

 

 
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