Dangerous Minds I
29.4.–29.5.2011
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Johann Lurf, Judith Pichlmüller, Horst Stein
Katalogtext, Petra Noll:

Der konzeptuelle Ausgangspunkt der beiden Ausstellungen im Fotoforum 2011 ist die Beschäftigung mit der in unserem Alltag allgegenwärtigen Bedrohung bzw. mit dem Unheimlichen. Diese Phänomene werden umso mehr empfunden, je unsicherer, je „verlorener“ ein Mensch in seiner Umwelt ist. Umgekehrt formuliert: Je besser der Mensch in seiner Umwelt orientiert ist, so Sigmund Freud in seinem Werk „Das Unheimliche“ (1919), desto weniger leicht wird er von ihr den Eindruck der Unheimlichkeit empfangen. Auch Martin Heidegger begreift das Angst machende Unheimliche als ein Resultat aus dem Gefühl des „Nicht-zu-Hause-Seins“ in der Welt. Heute ist die Verunsicherung, die existentielle Angst, auf Grund massiver ökonomischer, sozialer, politischer und ökologischer Bedrohungen stärker denn je. – Aber das Bedrohliche trägt auch den Aspekt der Faszination am Bösen, das Element des Spannenden in sich, durch das wir gefesselt werden. So lassen wir uns beispielsweise durch bedrohliche, unheimliche, auch grausame Situationen in einem Kriminalfilm gut unterhalten, obwohl es denkbar ist, dass uns im realen Leben ähnliches widerfährt. Das Bedrohliche, Unheimliche gibt es nicht per se, sondern es entsteht erst im Kopf des Betrachters, basierend auf vergangenen Erfahrungen und Erlebnissen. In den hier gezeigten künstlerischen Arbeiten wird die Ambivalenz von Bedrohung thematisiert. Es sind rätselhafte Szenarien, die das Bedrohliche in sich tragen, aber auch mit den Mitteln der Spannung – der Erwartung, Überraschung, Simulation, Irritation und Täuschung – arbeiten. Die Arbeiten lassen uns weniger eine Situation eindeutig sehen, als eine bestimmte Stimmung fühlen, die im Verborgenen ruht. Oft sind es Zustände, die in der nächsten Minute umkippen oder umzukippen drohen. Bestimmte „typische“ bzw. kollektiv ähnlich empfundene Bild- und Ton-Signale oder Symbole deuten oder kündigen an, dass gleich etwas Ungewöhnliches passieren wird oder passieren könnte.
Johann Lurfs sechsminütiges Video „12 Explosionen“ ist ein Experiment mit der Wahrnehmung des Betrachters. Er hat im nächtlichen Wien menschenleere öffentliche Orte im Außenraum gefilmt, die kollektiv als bedrohlich empfunden werden, obwohl sie an sich harmlos sind. Es sind Orte, die in einem Kriminalfilm prädestiniert für Tatorte sind: wenig beleuchtete Gehwege, verlassene Parkplätze, entlegene Passagen unter Brücken, „Unorte“ des Transits, an denen man sich üblicherweise nur kurz aufhält. Schon durch die Betrachtung des zunächst aktionslosen Bildes wird die Erwartung aufgebaut, dass dort gleich etwas passieren wird – eine Spannungshaltung wird provoziert, mit der auch der Krimi operiert. Nach kurzer Zeit passiert tatsächlich etwas – eine Explosion, ein heftiges, kurzes Feuerwerk. Licht und Knall zerreissen die nächtliche Stille. Wir erkennen nicht, wie und durch was die Explosion ausgelöst wurde (tatsächlich war es Johann Lurf mit seinem Team, der die Explosionen real vor Ort durchgeführt hat). Nach dem Knall schwenkt die Kamera um und lässt den Ort aus einer anderen Perspektive sehen. Der Betrachter zuckt nicht nur beim ersten Mal zusammen, sondern immer wieder, auch wenn er das Prinzip der Dramaturgie bereits durchschaut hat. „Wir erkennen, daß es das Moment der Wiederholung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und nun die Idee des Unentrinnbaren, Verhängnisvollen aufdrängt.“ (Sigmund Freud „Ästhetik des Unheimlichen“, 1919). Johann Lurf bezieht sich zwar auf die Realität, aber dennoch geht es ihm nicht in erster Linie um die Dokumentation von Bild und Ort des Geschehens, sondern vielmehr um die zeitliche bzw. dramaturgische Struktur des Films, der – mit bestimmten Intervallen und Pausen sowie mit dem Wechsel zwischen Bewegung und Stillstand bzw. Spannung und Entspannung – so angelegt ist, dass der Betrachter immer wieder aufs Neue überrascht ist und zukünftige Ereignisse assoziiert.
Auch Judith Pichlmüllers inszenierte Foto- und Videoarbeiten liegen zwischen Realität und Fiktion. Die fünfteilige Fotoserie „Gans“ – bei der es sich nicht wirklich um eine Gans handelt – zeigt scheinbar Szenen einer gewaltsamen Aktion, die uns gefühlsmäßig gleich vereinnahmt. Wir empfinden Mitleid, Unbehagen und vor allem Bedrohung. Das funktioniert trotz oder gerade auf Grund der minimalistischen, fragmentarischen Bildgestaltung. Nur auf einem Bild sieht man das anscheinend massakrierte Tier. Zwei andere zeigen nur den Kopf bzw. den Fuß, die in ihrer roten Farbe bedrohlich aus dem Schnee ragen, auf zwei weiteren Fotografien sehen wir verlorene Federn im Schnee – Weiß in Weiß. Kälte, Gewalt und Tod werden in diesen Arbeiten ganz subtil in unser Bewusstsein gerückt. Dass alles nur gefakt ist, ändert gar nichts an unserem Gefühl des Unbehagens. Auch die Fotoarbeit „fallen“löst auf subtile Weise Beklemmung aus. Sie zeigt eine grüne „Oase“ der Natur. Was aber zunächst als friedliche Idylle wahrgenommen wird, ist letztendlich nur Utopie. Die Künstlerin sitzt isoliert und bedrängt vom vereinnahmenden Grün im hinteren Teil des Bildes. Beklemmung und Unbehagen macht sich breit. Auch in dem gleichnamigen Video, das mit einer längeren Einstellung auf eine Frühlingswiese beginnt, trügt die Idylle. Wir erwarten, dass gleich etwas passiert. Und tatsächlich – plötzlich fällt ein Hirn wie aus heiterem Himmel auf den Wiesenboden. Wir sind deshalb so betroffen, weil das Gehirn, Symbol des Denkens und Handelns, schutzlos auf den Boden aufschlägt. Isoliert vom Menschen ist es nur eine wabbelige, funktionslose Masse.
Eine Situation von verstörender, bedrohlicher Sprengkraft schafft auch die inszenierte, performative Fotoserie BUM von Horst Stein. Grundsätzlich ist die Serie auf Anfang und Ende hin angelegt. Das erste Bild zeigt einen Mann, der gerade kurz davor zu sein scheint, eine Zündschnur anzustecken. Es bleibt im Unklaren, ob er es tatsächlich tun wird, und wir sehen auch nicht, was dadurch explodieren würde. Diese Situation löst sich lange nicht auf, denn die folgenden Bilder zeigen über eine lange Strecke nur eine auf dem Gehsteig liegende Zündschnur. Die Situation lädt sich immer mehr auf, je weiter wir die Bilder abschreiten. In unserem Kopf entstehen mögliche Szenarien bis hin zur Katastrophe. Endlich beim letzten Bild angelangt, sehen wir das zu sprengende Objekt, angehäufte Kunstwerke mit Dynamit – aber es ist noch immer nicht sicher, ob es je in die Luft gehen wird. BUM oder nicht BUM… Durch diese Unklarheit wird ein ungleich bedrohlicheres Gefühl ausgelöst als durch eine tatsächliche Explosion. Aber es gibt auch die Möglichkeit eines anderen Zugangs zu dieser Serie, die sich durch die zirkuläre Hängung eröffnet. Das Zündbild muss ja nicht unbedingt das erste sein, der Haufen mit den Kunstwerken nicht zwingend das letzte! Überall könnte der Einstieg in diese Geschichte sein, wenn es überhaupt eine gibt. Wir geraten auf unsicheres Terrain, fühlen uns irritiert, beunruhigt – wie immer, wenn wir eine Situation nicht gänzlich beherrschen bzw. nicht eindeutig einordnen können. Horst Stein liebt das Spiel mit verschiedenen Blickebenen und die dadurch möglichen Bedeutungsverschiebungen. Er thematisiert in dieser Serie die latente Bedrohung, die den normalen Alltag – und im Speziellen das Dasein des Künstlers – bestimmt. Immer und überall zugegen, kann sie jetzt oder später real werden oder eben nie. Aufgrund existentieller Ängste ist sie für uns ständig mehr oder weniger zugegen.

 
 
1) Johann Lurf, aus: 12 Explosionen, 2008, DV, 6 Min., Stereo, Farbe, 16:9
2) Judith Pichlmüller, aus der Serie Gans, 2011, C-Print auf Aludibond, 53 x 80 cm
3) Judith Pichlmüller, Fallen, 2010, C-Print auf Aludibond, 68 x 90 cm
4) Horst Stein, aus: BUM – Ignition /1/2/3/... Demolition, 2009, Größe variabel, C-Print
5) Horst Stein, BUM – Ignition /1/2/3/... Demolition, 2009, Größe variabel, C-Prints (Gesamtansicht)
 
 
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