Dangerous Minds II
8.10.–6.11.2011
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Michael Appelt, Claudia Larcher, Corinne L. Rusch
Rede zur Eröffnung, 7.10.2011, Petra Noll:

Der konzeptuelle Ausgangspunkt der beiden Ausstellungen „Dangerous Minds“ im Fotoforum 2011 (die erste Ausstellung war im Mai 2011) ist die Beschäftigung mit der in unserem Alltag allgegenwärtigen Bedrohung, die ein Mensch um so mehr empfindet, je „verlorener“ er in seiner Umwelt ist. Besonders heute ist die Verunsicherung auf Grund prekärer Lebenssituationen bzw. sozialer, politischer, ökonomischer und ökologischer Bedrohungen bei vielen Menschen stärker denn je. Menschen schaffen sich Ersatzwelten als Rückzugsmöglichkeiten – ein eigenes Heim, eine Reise, eine Beziehung. Diese verheißen Glück, Frieden und Sicherheit, tragen aber die Bedrohung in sich. In den Arbeiten der Ausstellung „Dangerous Minds II“ wird diese Ambivalenz thematisiert. Die Arbeiten zeigen z. T. rätselhafte, oft irritierende, auch surreale Szenarien, die das Bedrohliche im Alltäglichen spüren lassen.
Michael Appelt untersucht in seinen fotografischen Arbeiten zwischen-menschliche Beziehungen. Bei der Serie „Ich und Ich und die Anderen“ handelt es sich um eine Selbstporträtserie, bei der er mit ihm nahestehenden Personen in nonverbale Kommunikation tritt. Die Fotografien der Serie „Zwischenmenschlich“ zeigen Paare in einer dualen Beziehung. – Zwischen-menschliche Beziehungen sind ambivalent, zum einen bedeuten sie Nähe, Vertrauen, Sicherheit und Glück, andererseits sind sie auch geprägt von der latenten Angst vor der Gefahr, dass alles ins Gegenteil umkippt. – In den teilweise absurden Tätigkeiten der dargestellten Personen, dem oft distanzierten Nebeneinander (vor allem in der Serie „Zwischenmenschlich“), der häufig abweisenden Mimik sowie in dem Ambiente, in dem die Paare sich befinden, wird deutlich, wie dicht Glück und Bedrohung beieinanderliegen. Das können Situationen sein – wie unter anderem bei dem Paar mit der Kuckucksuhr oder dem Steck-Weihnachtsbaum – , in denen der Grund für die Entfremdung in der Banalität, der Langeweile bzw. Bürgerlichkeit liegt. Eine direktere Sprache in Bezug auf die Ambivalenz von Paarbeziehungen sprechen die bedrohlich wirkenden Situationen mit Revolver, Galgen oder Würgegriff. Surreal verschlüsselt sind beispielsweise die Szene mit dem Löwen oder auch mit der Matratze. In keiner der Arbeiten wird eine eindeutige Geschichte erzählt, vielmehr fühlen wir eine bestimmte Stimmung, die von der einen Minute zur nächsten Minute umkippen könnte – oder auch nicht.
Bei Claudia Larchers Arbeit „Heim“, einer Auseinandersetzung mit ihrer katholisch-konservativen Heimat, handelt es sich um eine Videoanimation, um eine Montage aus Fotos und wenigen Laufbildern. Fotografien von den bürgerlich eingerichteten Räumen ihres Elternhauses in Vorarlberg wurden am Computer bearbeitet, montiert und animiert. Was wir sehen, ist eine fiktive, konstruierte, waagerecht vorbei-ziehende Kamerafahrt. Durch künstlerische Eingriffe wie Montage, Schnitt, Fokus-sierung bzw. Distanzierung von den Dingen entstanden aus den realen ganz eigene Räume und Stimmungen. Die Irritation liegt visuell in der perspektivischen Ver-schiebung der Räume sowie akustisch in der Unterlegung des Films mit einem gleichmäßig dröhnenden Ton, der das Gefühl von Unbehaglichkeit spürbar werden lässt. Es läutet an der Tür und keiner macht auf, das Telefon klingelt und niemand hebt ab. Von draußen hört man einen Rasenmäher – Geräusche des Alltags, die aber etwas Unheimliches haben. Menschen sind nur als Schatten an der Tür oder zugedeckt im Bett „anwesend“. Neben dem Doppelbett lehnt eine Waffe. Die Bedrohung ist nie konkret vorhanden, sondern ruht im Verborgenen und ist somit umso präsenter. – Die Idylle, die Menschen sich schaffen, trägt immer die Bedrohung in sich: die Langeweile, das Gleichförmige, die Angst vor dem außen und die damit verbundene Abschottung: zuletzt fällt im Film das Garagentor laut zu. – Neben dem Video gibt es neue Fotocollagen: Fotos von Raumfragmenten wurden schichtartig in Objektrahmen angeordnet. Hierdurch entstanden Zwischenräume, die wie verwinkelte Korridore oder doppelte Wände wirken. Die verschiedenen Ebenen werden spärlich von innen beleuchtet und lassen den Bildinhalt nur erahnen.
Corinne L. Rusch hat für ihre Serie „Walking around“ in verschiedenen Städten fotografiert, die Fotografien sind paarweise konzipiert. Auf rätselhafte, manchmal surreale Weise hat die Künstlerin Personen auf der Basis von realen Geschichten im Raum in Szene gesetzt. Immer sind es Blicke von außen durch Fenster ins Innere, ähnlich wie in dem Hitchcock-Film „Rear Window“ (“Das Fenster zum Hof“) von 1954, wo der behinderte Fotojournalist Jeff zunächst aus Langeweile, dann immer obsessiver mit dem Fernglas seine Nachbarn beobachtet. Corinne L Rusch ist aber nur scheinbar Voyeuristin, da sie die Szenarien bewusst arrangiert. Ihre Prota-gonistInnen wirken wie erstarrt im Setting eines Films. Was genau zwischen den beiden jeweils zusammengehörenden Bildern passiert ist, bleibt unklar. Bereits das erste Bild wirkt schon merkwürdig unwirklich, im zweiten ist die Situation noch befremdlicher: die Personen erscheinen aufgelöster, sind teilweise niedergestreckt – sind sie betrunken, verletzt, tot oder „nur“ Opfer ihrer Langeweile? Es sind zugleich schöne und grausame Inszenierungen mit sowohl sehr ästhetischen also auch eigentümlichen, manchmal „mörderischen“ Bildelementen. – Dadurch, dass die Geschichten nur angedeutet werden, gelingt es Corinne L. Rusch Spannung aufzu-bauen. Dies wird unterstützt durch die von Hitchcock beeinflusste Lichtregie sowie durch banale Gegenstände, die durch die besondere Art und Weise der Inszenierung bedrohlich wirken. – Die Neonschrift „I am scared, but it is wonderful“ fasst zusammen, worum es Corinne L. Rusch geht: die Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Angst und Lust.

 
 
1) Michael Appelt, aus der Serie Zwischenmenschlich, 2008, Matthias & Victoria, C-Print, 50 x 70 cm
2) Michael Appelt, aus der Serie Zwischenmenschlich, 2008, Matthias & Renate, C-Print, 50 x 70 cm
3) Claudia Larcher, aus: Heim, 2008, DVD, Farbe, Ton, 11:40 Min.
4) Claudia Larcher, aus: Heim, 2011, Fotocollage, C-Print, Karton, Elektronik, 24 x 30 cm
5) Corinne L. Rusch, aus: Walking around (2005/2011), felsberg, a night in may, 2005, C-Print, 110 x 140 cm
6) Corinne L. Rusch, I am scared, but it is wonderful, Neonschrift, 2010, 10 x 186 cm
 
 
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