Heimat Gefühle
6.10.–5.11.2006
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Maria Döttlinger, Rudolf Klaffenböck, Andrew Phelps, Herbert Pöhnl, Herbert Wagner, Ursula Zeidler. Textarbeiten von Bernhard Setzwein
Rede zur Eröffnung, 5.10..2006, Petra Noll

Das Thema der beiden Ausstellungen des diesjährigen Fotoforums ist Romantik.
Die erste Ausstellung im Mai hieß „Wahre Gefühle“, nun geht es um Heimat, eine Thematik, die in Bezug auf Romantik eine besondere Brisanz hat. Es stellen sechs KünstlerInnen und ein Schriftsteller aus Österreich und Deutschland aus. Mit beiden Ausstellungen soll ein kritischer Beitrag zur aktuellen Romantik-Diskussion geboten werden. Die vorgestellten künstlerischen Arbeiten sind teilweise langjährige Projekte, also keine Untermauerung einer ganz jungen Neoromantik-These, einer neuen „Innerlichkeit“, wie sie z.B. von Roger Buergel, dem Leiter der documenta im nächsten Jahr, ausgemacht wurde. Die beiden Ausstellungen im Fotoforum geben auch kein einheitliches, kein bestimmtes Romantik-Bild ab. Gemeinsam ist den Arbeiten, dass hier keine fiktiven Phantasiewelten und Utopien kreiert werden wie in der historischen Romantik, die die Sehnsucht nach Geborgenheit und Harmonie in Zeiten der Angst vor den Folgen der Industrialisierung oft Sentimentaliät, Kitsch und Pathos gegenüberstellte. Aber die historische Romantik scheute auch nicht die Auseinandersetzung mit dem Obskuren, dem Beunruhigendem, dem Tod, war also durchaus realitätsgebunden. Auch die Künstler der letzten u. dieser Ausstellung verbinden emotionalen Zugang mit Realitätsbezug, sind kritisch, ohne vordergründig zu werden. Das Thema Heimat ist für viele nicht mehr unbedingt die Stadt/das Land ihrer Geburt, sondern der räumliche/ geistige Bereich, in dem man sich während eines Lebensabschnitts wohlfühlt. Ein „bei sich Sein“. Die Gründe liegen auf der Hand: häufiger Ortswechsel zu Zeiten der Globalisierung u. Migration. Dennoch gibt es, so auch hier, häufig eine Auseinandersetzung mit dem Ort der Geburt. Der Geburts- oder Wohnort – oft ein Gefühlschaos aus Erinnerungen, Sehnsüchten, Ängsten und Ablehnung. Heimat kann man mit romantischen Blicken verklären oder kritisch analysieren. In einer wahrhaftigen Auseinandersetzung gehören beide Bereiche zusammen. Wie Schönheit Hässlichkeit und Leben Tod beinhaltet, ist Heimat eng mit Verlust, Entortung und Enttäuschung, Romantik mit Ernüchterung und Zerstörung verbunden. In der Kunst ist eine ernsthafte Beschäftigung mit Romantik nur glaubhaft, wenn Brüche und Unstimmigkeiten miteinbezogen werden Fotografie und Romantik. Die Beschränkung auf Fotografie ermöglicht einen besonderen Aspekt. Fotografie ist ein Medium zwischen Realität und Fiktion und dadurch besonders geeignet, um an ihr Romantik zu untersuchen. Fotografie hat ein differentielles Verhältnis zur Wirklichkeit, eine spezifische Sichtweise. Durch digitale Fotografie wissen wir nicht mehr, was wahr ist.
Die meisten Positionen in dieser Ausstellung lassen sich als subjektiv-dokumentarisch charakterisieren. Die Künstler zitieren die Umwelt, wie sie ist bzw. fokussieren Details; sie tun dies aber mit individuellem, betroffenem, manchmal wehmütigem, häufig aber auch mit humorvollem oder ironischem Blick. Meist sind das Situationen, wo der Mensch eingegriffen hat in seine Umwelt, wo er kitschige, sentimentale, zerstörerische, geschmacklose Spuren hinterlassen hat, Zeichen für seine Wertvorstellungen und Sehnsüchte. Die Künstler untersuchen den Standort des Menschen in u. zu seiner Umwelt u. zu sich selbst.  
Ursula Zeidler zeigt Fotografien vom Münchner Stadtteil Haidhausen, der in einem ihrer Lebensabschnitte ihre Heimat war. Bevor er durch Stadtsanierung, Spekulation und Einzug der Schicki-Micki-Szene zerstört wurde, hat sie sein einst buntes Leben mit Künstlern, Studenten und Gastarbeitern, das selbstverständliche Nebeneinander verschiedener Milieus, das für sie Geborgenheit und Offenheit zugleich bedeutete, in „Erinnerungs“-Bildern festgehalten. In dem Bewusstsein, dass für die dort lebenden Ausländer die Frage nach heimatlicher Zugehörigkeit wesentlich existentieller ist als für sie selbst, verwendet sie ihre Fotos heute nicht als sentimentale Rückschau, sondern als Dokumentation einer Zeit, die sie in ihrer jetzigen Heimat mit Abstand– Emotion und „Wahrheit“ gleichermaßen zulassend – , beurteilen kann. Herbert Pöhnl (Bayerischer Wald) fotografiert seit 1972 in seiner Heimat, dem Bayerischen Wald, und den benachbarten Regionen. Er hält die komplexe Erscheinung der alltäglichen Realität fest, die von so unterschiedlichen Faktoren wie Ursprünglichkeit, Tradition, Romantisierung, Ausbeutung und Zerstörung durch den Menschen geprägt ist. Er lässt sich nicht dazu verführen, nach Resten von Landschaftsidyllen und Originaltypen zu suchen und diese herauszuisolieren, um so die Heimat zu verschönbildlichen. So wirken Pöhnls Bilder skurril, komisch, beunruhigend und melancholisch zugleich. Sie sind weniger gesellschaftskritische Kommentare als Erkenntnisbilder des Alltags.
Bernhard Setzwein (tschechische Grenze, Buchprojekte mit Pöhnl) Obwohl er in einer weitgehend „heilen Welt“ lebt, die romantisches Schwärmen zu rechtfertigen scheint, ist der Schriftsteller Bernhard Setzwein alles andere als ein trauter Heimatdichter. Mit einem feinen Sinn für Humor, aber auch mit entlarvender Ironie kleidet er die Absurditäten und Ungereimtheiten seiner Heimat in eindringliche Fragesätze. Seine Texte sind prägnant und artistisch, voller phantasievoller Wortkreationen, verspielt und treffsicher zugleich.
Andrew Phelps (USA, seit 1991 in Salzburg) zeigt Fotografien aus seiner 2005 begonnenen, bisher noch nicht gezeigten work-in-progress-Serie „Higley“, seinem Heimatort in Arizona/ USA. Die stetig vorangetriebene Ausweitung der Städte mit weltweit vereinheitlichter Architektur, mit teuren Wohnsiedlungen, fast food-Restaurants und shopping malls, ist der Grund, dass der ehemalige Bauernort „Higley“ verschwindet. Phelps dokumentiert einen Heimat-Verlust, indem die Realität des globalen Dorfes beim Namen genannt wird. In dem liebevollen Blick, den er auf seine, oft in sogenannten „track homes“ noch wohnenden Freunde und Bekannte und auf die Reste seiner Heimat wirft, die er 1991 verlassen hat. drückt sich Heimweh aus in dem Sinn, dass es weh tut, wenn der Heimat Schaden zugefügt wird. Rudolf Klaffenböck (Passau, Grenzgehen, Nibelungenhalle) dokumentiert die Absurditäten und Sentimentalitäten des ganz normalen Alltags mit Humor und Ironie  Auf seinen Streifzügen durch Heimat und Umgebung hält er Bilder von Ereignissen und Situationen fest, die viel aussagen über den Menschen und seine Weltanschauung. Künstlich geschaffene Idyllen befriedigen die Sehnsucht des Menschen nach dem Anderen, Fernen, Exotischen: die von Klaffenböck gefundene skurrile Situation einer auf einem in heimatlicher Landschaft stehenden Toilettenhaus angebrachten Dekoration einer romantischen Südseeidylle legt besonders eindringlich Zeugnis ab vom Verlust von Identität und Heimat.
Maria Döttlinger (Innsbruck). Fotografien aus ihrer von Bergen, Naturschönheiten und Tourismus geprägten Tiroler Heimat konfrontiert Maria Döttlinger mit Fotos von Körperteilen und Porträts von Menschen, die in einer Traum- bzw. Gedankenwelt versponnen zu sein scheinen. Sie verwendet die malerisch wirkende Unschärfe, aber mit Distanz, sich nicht in einer Pseudoromantik verlierend. Ihre Triptychen und Diptychen erzählen sehr subtil vom Heimatgefühl in seiner ganzen Bandbreite zwischen Wirklichkeit und Imagination.Eine Auseinandersetzung auch mit Identität: Zugehörigkeit zu dem/den anderen und gleichzeitig starke Verinnerlichung und dadurch Abgrenzung des eigenen Ichs, das auch befremden kann.
Herbert Wagner (Braunau). In der fotografischen Beschäftigung mit dem Leben der Bauern seiner Heimat greift Herbert Wagner ein Motiv auf, das prädestiniert ist, um romantisch verklärt zu werden. Die ungetrübte Freude an der heimatlichen Scholle, am naturverbundene Leben ist nicht erst heute nach der fortschreitenden Technisierung und Umweltzerstörung Illusion, sondern bereits früher, als der Bauer nur mit hartem körperlichen und zeitlichen Einsatz seine Früchte einfahren konnte. Heute wie gestern, hier wie dort, bekommt man Wohlbefinden – Heimat – nicht geschenkt, sondern muss sie sich hart erarbeiten. 

 
 
1) Maria Döttlinger, Triptychon, 2006, C-Prints auf Holzplatte, je 18 x 13 cm
2) Rudolf Klaffenböck, "Christkindlmarkt, Nibelungenhalle Passau", 2002, SW-Farbfotografie, 30 x 45 cm
3) Andrew Phelps, aus der Serie "Higley", 2005/2006, C-Print, 40 x 50 cm
4) Herbert Pöhnl, "Motive aus HinterBayern", SW-Fotografie, 56 x 30 cm
5) Herbert Wagner, "Hias", 1981, SW-Fotografie
6) Ursula Zeidler, aus der Serie "München-Haidhausen", 1980–2000, SW-Fotografie, Baryt
 
 
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