In Bewegung I
13.4.–12.5.2013
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Gerda Lampalzer, Catherine Ludwig,  Horst Stein
Katalogtext, Petra Noll:
Körperliche Bewegung als soziokulturelles Phänomen ist das Thema des diesjährigen Schwerpunkts. Bei der Beschäftigung damit sind über die rein physikalische bzw. kinematische Erklärung hinaus, so hat es schon Vilém Flusser formuliert, stets sowohl von außen wirkende als auch innere Kräfte – wie beispielsweise physiologische, psychologische, kulturelle und ökonomische Faktoren – zu berücksichtigen. Bewegung steht für Veränderung und ist ein dominantes Zeichen unserer Zeit: Nur wer beweglich ist, gilt als flexibel, gesund, dynamisch, handlungsfähig und präsent. Bewegung ist meist zielge-richtet und funktional, sei es im Sport oder im Zurücklegen eines Weges zur Erledigung einer Tätigkeit. Gruppendynamische Prozesse bzw. gesellschaftliche Normen und Ordnungen haben Auswirkungen auf den Einzelnen (und auf seine Bewegungen). Sich mit Bewegung zu beschäftigen inkludiert zudem die Auseinandersetzung mit Be- und Entschleunigung, mit den Gegenpolen Trägheit und Stillstand, mit dem Zufall sowie mit dem Scheitern – dem Aus-dem-Gleichgewicht-Kommen, dem Kontrollverlust, dem Fallen. Bei den Arbeiten der KünstlerInnen handelt es sich um manipulierte oder zufällige (Fort)bewegungsszenarien aus der Realität, aus denen sich Rückschlüsse auf Emotionen, Verhaltens- und Disziplinierungsmechanismen, Fremdbestimmung und Abhängigkeit ergeben. Die KünstlerInnen setzen sich mit dem Phänomen Bewegung (selbst-)ironisch, psychologisch, soziologisch und auch im Hinblick auf die Darstellungsmöglichkeiten, die das Medium Fotografie bietet, auseinander.
Gerda Lampalzer zeigt unter dem Titel DAS ODESSA-SYNDROM eine 12-teilige Farb-Fotoserie, eine in Zusammenarbeit mit Manfred Oppermann entstandene digitale Fotoanimation und ein Daumenkino. Für die Fotoserie hat Gerda Lampalzer mit sich als Protagonistin (in Video und Daumenkino mit Oppermann) diverse Treppenstürze „re-“ inszeniert. Der Titel verweist auf die bekannte Szene auf der Hafentreppe von Odessa aus dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (Sergej Eisenstein, 1925), wo die Menschen panisch vor der zaristischen Armee fliehen und teilweise fallen. In beiden Fällen geht es um das Scheitern von Bewegung, um das Stürzen. In Lampalzers Arbeit wird dies aber (selbst-)ironisch gebrochen durch die scheinbare Ursache der Stürze, für deren Inszenierung sie ein abwechslungsreiches Bewegungsvokabuler kreiert hat: Sie erzählt, dass sie immer wieder durch die gedankliche Vertiefung in gewichtige, sie fesselnde Literatur aus Philosophie, (Medien-)Kunst, Politik und Wissenschaft – oder vielleicht auch nur durch das Gewicht der Bücher – aus dem Gleichgewicht gebracht wird; sie stolpert und stürzt wiederholt über verschiedene Treppen in ihrem Haus. Diese skurrilen, slapstickartigen Situationen legen die unfreiwillige valentineske Komik bloß, die in all unserem Tun und unseren Missgeschicken liegt – und machen eine Poesie des Alltags spürbar.
Bei Catherine Ludwigs Fotoarbeiten aus der Serie Bewegungsstudien handelt es sich um ein im Jahr 2006 begonnenes ‚work in progress‘. Hierfür hat sie kleinere und größere Menschengruppierungen im öffentlichen Raum, wie u.a. Soldaten, Demonstranten, Zuschauer, Sporttreibende, Spaziergänger oder Wartende, fotografiert. Ludwig analysiert in dieser Serie – im Titel und in der zeitlichen Dimension liegt eine wissenschaftliche Anmutung – die unterschiedlichen Verhältnis-se zum Körper und zu den mit diesem verbundenen Bewegungen in verschiedenen Kulturen und Generationen, speziell in Bezug auf den Freizeitbereich. Was lässt sich anhand von Bewegungen über zugrunde liegende kulturell und sozial geprägte Verhaltensmuster, Codes, Ordnungen und Disziplinierungsmechanismen und damit über die Vorstellungen einer Gesellschaft aussagen? Dynamik, Ausdruck, Richtung und Veränderung einer Bewegung hängen nicht nur von der persönlichen Verfassung und Präferenz, sondern auch von sozialen Einflüssen ab. Gemäß der Bewegungslehre ‚Laban Movement Analysis‘ zeigt sich Bewegungsverhalten in der Beziehung einer Bewegung zu Körper, Raum, Antrieb und Form. Ludwig zeigt zudem die installative Arbeit Foilfigures, für die sie verschiedene Personen ihrer Fotografien freigestellt auf Folien ausbelichtet hat. Präsentiert als Stehfigürchen auf einer Tischplatte, entsteht so eine bewegte Gruppe von Menschen, in der jeder seine/ihre individuelle Bewegung in voller Freiheit ausführen kann.
Horst Steins Serie Appearance, in Diptychen gestaltet, basiert auf einem strengen Konzept: Der Künstler flaniert durch urbane Räume und sucht nach für ihn interessanten Situationen. Dann positioniert er die Kamera an einem Ort, an dem er einen Bildraum von formaler Strenge und wenig Tiefe fixieren kann und fotografiert das erste Bild ohne Menschen. Für das Entstehen des zweiten Bildes lässt er sich nur eine Möglichkeit offen: Die erste Person, die zufällig in den Raum zwischen Kamera und einem vom Künstler bestimmten Punkt des Bildraumes tritt, läuft oder schlendert – und diesen dabei teilweise oder ganz verdeckt – wird einmal fotografiert. So entstehen ein statisches Bild, in dem die Zeit eingefroren zu sein scheint, sowie ein durch ‚den Zufall inszeniertes‘ Bild, das Bewegung im Stillstand zeigt. Stein geht es weniger um die Analyse des menschlichen Bewegungsvokabulars als um Aspekte und Darstellung von Bewegung im Medium Fotografie. Bewegung in der Fotografie abzubilden, ist einerseits möglich mit einer ruhenden Kamera, die ein bewegtes Objekt fotografiert (wie bei Appearance) oder mit einer bewegten Kamera, die ruhige Dinge in scheinbarer Bewegung festhält. Immer ist Unschärfe Zeichen für Bewegung; in Appearance ist der Grad der Unschärfe abhängig von dem zufälligen Abstand der Personen von der Kamera und deren Schrittgeschwindigkeit. In der Serie sind – bis auf das Verschwinden der bewegten Figur und die Resultate einer bewegten Kamera – zahlreiche Bewegungsmuster enthalten.
 
 
1) Gerda Lampalzer, aus: Das Odessa-Syndrom, 2008, 12-tlg. Fotoserie, 40 x 30 cm
2) Raumansicht_Gerda Lampalzer
3) Catherine Ludwig, aus: Bewegungsstudien, seit 2006, Taipeh, C-Print, 70 x 100 cm
4) Raumansicht Catherine Ludwig, vorne: aus der Serie Foilfigures, 2013, Folienfarbplotts, je 5 x 3 x 3 cm
 5) Horst Stein, aus: Appearance I und II, 2009ff, Diptychen, C-Prints, je 50 x 50 cm
6) Horst Stein, aus: Appearance I und II, 2009ff, Diptychen, C-Prints, je 50 x 50 cm
 
 
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