In Bewegung II
26.10.–24.11.2013
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Alfred Bachlehner, HH Capor, Michael Sardelic/Hermine Reidinger
Katalogtext, Petra Noll:
Auch die KünstlerInnen der zweiten Ausstellung thematisieren körperliche Bewegung als soziokulturelles Phänomen. Es geht um die Auswirkungen gesellschaftlicher, also fremdbestimmter Vorgaben bzw. gruppendynamischer Prozesse auf den Einzelnen und seine Bewegungen: eine Gradwanderung zwischen individuellen Bedürfnissen und sozialen Abhängigkeiten. Bewegung steht für Veränderung und ist ein dominantes Zeichen unserer Zeit: Nur wer beweglich ist, gilt als flexibel, gesund, dynamisch, handlungsfähig und präsent. Bewegung ist meist zielgerichtet und funktional, sei es in Freizeit und Sport, beim Reisen oder beim Zurücklegen eines Weges zur Erledigung einer Tätigkeit. Diese auf ein Ziel gerichtete Mobilität und die damit verbundenen typischen Verhaltensweisen von Menschen werden von den Künstlern auf unterschiedliche Weise hinterfragt bzw. in einen neuen Kontext gestellt. Be- und Entschleunigung, Erfolg und Scheitern, Kontinuität und Bruch spielen in der Auseinandersetzung mit Bewegung eine große Rolle. Außerdem setzen sich die KünstlerInnen mit dem Phänomen Bewegung in Hinblick auf die Darstellungsmöglichkeiten, die die Medien Fotografie und Film/ Sound bieten, auseinander.
In den Videos von Alfred Bachlehner werden filmische Aufnahmen menschlicher Fortbewegung mit minimalistischer Vertonung verbunden. Er untersucht menschliches Verhalten anhand von individuell und kollektiv bestimmten Bewegungen. Für “Up>geräuschen durchgeführt wurden. Andere Bewegungsakte (u.a. Kinderwägen: Flageoletts) basieren auf einem instrumentalen Leitfaden. Auch der Nachfolgefilm “Mango”, FußgängerInnen in der vorweihnachtlichen Wiener Mariahilferstraße, wurde mit Kontrabass vertont. Die Kamera nimmt Züge einer Überwachungskamera an. Es wird hier noch deutlicher die soziale Wahrnehmung menschlichen (Gruppen)Verhaltens thematisiert. Die Audio-Video-Montage “Blouw” fokussiert auf Emotionen von Leichtigkeit und Freiheit – betont durch eingespielte Geräusche – eines Paragliders.
Von H.H. Capor stammt die in Bezug auf Inhalt und Präsentation streng konzipierte Fotoserie “Vom Reisen…”. Sie besteht aus 24 Schwarzweiß-Triptychen. Er hinterfragt ironisch das Verhalten von Touristen bei Städtereisen, die meist von einem von unzähligen Fotoschnappschüssen begleiteten hektischen Sightseeing-Programm geprägt sind. Sein Konzept basiert auf der Konstellation, dass er in drei Jahren 23 Mal für kurze Zeit in eine ihm fremde Metropole geflogen und hier konsequent im Hotel geblieben ist. Gleichzeitig hat er je eine(n) Assitenten/in mit einer Agfa Clack-Kamera losgeschickt, um die 8 Bilder des Rollfilms – auch eine Beschränkung im Angesicht der großen Zahl möglicher Bilder – zu belichten. Diese Fotos hat H.H. Capor übereinander montiert (jeweils das linke Bild des Triptychons), so dass die Bilder verschwimmen – wie die Eindrücke der Touristen nach dem Betrachten von tausenden digitalen Urlaubsfotos am Bildschirm. Das mittlere Bild zeigt jeweils ein Selbstporträt des Künstlers, der im Hotel entspannt und genießt; auf dem rechten ist eine ausgewählte Stadtansicht zu sehen. Die 24. und letzte Station war Wien, seine Heimat, wo er sich ein Hotelzimmer nahm und acht AssistentInnen für je ein Bild auf Tour schickte. – Allgemein wird diese Art des Reisens, in der er man weder mobil ist noch viel von der Stadt sieht, als sinnlos empfunden. Im Kunstkontext macht diese Konsequenz H.H. Capor aber zum„Pfadfinder des Absurden“ (Willy Puchner, FAZ, 19.7.2012) und zum Kritiker rastloser Mobilität.
Michael Sardelic und Hermine Reidinger haben die beiden Installationen, “Disentanglement” (Befreiung) und “Dependence” (Abhängigkeit), aus der Serie “Levitations – Figures” entwickelt. Diese bestehen aus Fotografien (zweiansichtige Drucke auf Dibond) menschlicher Figuren, die wie Marionetten an Stangen und Fäden in jeweils einer ca. 2,50 Meter hohen Rahmenkonstruktion aufgehängt sind. Menschen unterschiedlichster Generationen befinden sich in verschiedenen Positionen bzw. Bewegungsabläufen. In beiden Arbeiten sind die Figuren als Teile einer Gruppe bzw. eines gesellschaftlichen Systems zu verstehen, in dem alle voneinander abhängig sind. Jede Bewegung, jede Veränderung einer Figur schafft neue Bedingungen im Gefüge und wirkt sich positiv oder negativ auf den Zustand und die Lage der anderen aus. Auf der einen Seite stehen individuelle Wünsche nach Freiheit und weniger Fremdbestimmheit, symbolisiert durch Versuche, sich von den Seilen und Gestängen zu befreien bzw. nach oben zu klettern wie in Disentanglement. Auf der anderen Seite steht die soziale Rücksichtnahme: Beispielsweise versucht eine Person, eine Stange durch Schaffung eines Gegengewichts in der Waage zu halten, woraus eingeschränktere Bewegungen und somit mehr Abhängigkeit von der Gesellschaft resultieren. Wird kein Gleichgewicht erreicht – dafür stehen auch die fallenden Figuren –, gerät nicht nur die labile Konstruktion aus dem Lot, sondern auch das Schicksal des Einzelnen.
 
 
1) Alfred Bachlehner, aus: Blow, Audio-Video-Montage, 2013, 5 Min.
2) Alfred Bachlehner, aus:  Up<<Down, Audio-Video-Montage mit Kontrabass, 2008, 25:25 min
3) HH Capor, aus: Vom Reisen...(2008–2012), Kairo, 2010, SW-Lambda-Prints, Triptychon, 36 x 95 cm
4) HH Capor, Vom Reisen...(2008–2012), Shanghai, 2011, SW-Lambda-Prints, Triptychon, 36 x 95 cm
5) Michael Sardelic/Hermine Reidinger, aus Disentanglement, 2012, Solventdrucke laminiert auf Alu-Dibond, Rahmen für Aufhängung 252 x 112 x 112 cm
6) Raumansicht Michael Sardelic/Hermine Reidinger
 
 
  • 1

  • 2

  • 3

  • 4

  • 5_msardelichreidinger

  • 6