Modern Talking II
17.10.–15.11.2015
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Michaela Bruckmüller, Heidrun Henke und Gerda Lampalzer
Vernissagenrede, Petra Noll:
Auch die zweite Ausstellung 2015 beschäftigt sich mit kommunikativen Prozessen in einer von den Sozialen Medien geprägten Gesellschaft. Mit der Online-Kommunikation haben sich grundlegend neue soziale Verhaltensweisen, Verständigungsrituale und Gruppendynamiken entwickelt. Die fast permanente Online-Präsenz schafft einerseits eine feste Verankerung im „Hier und Jetzt“, ein stabilisierendes Gefühl der Dazugehörigkeit, Verbundenheit und Informiertheit sowie die Möglichkeit, auch Treffen mit Menschen in der Offline-Welt leicht und spontan zu organisieren oder sogar die technischen Kommunikationsgeräte konstruktiv in Alltagsgespräche einzubauen. Auf der anderen Seite stehen die Gefahr der Isolation vom „realen“ Geschehen und von Personen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen aufgrund des ständigen „Checkens“, Kommentierungsstress sowie Verständigungsprobleme durch Sprachreduktion. In unkonventioneller Weise – beispielsweise durch die pseudo-wissenschaftliche Untersuchung von Kommunikationsprozessen bei Pflanzen oder die lustvolle Zerstörung und absurde Neumontage von Sprachstrukturen – reflektieren die drei ausstellenden Künstlerinnen kritisch das aktuelle Kommunikationsverhalten der heutigen Gesellschaft. Michaela Bruchmüller behandelt in der Fotoserie "... sollst sanft in meinen Armen schlafen oder das dualistische System der toxischen Flora" das Thema Kommunikation am Beispiel heimischer Pflanzen, die zur Abwehr – eine Art kommunikative Reduktion – und somit Arterhaltung Gifte bilden. Während andere Pflanzen sich mit Stacheln oder Dornen abgrenzen, wird ihre Giftigkeit oft durch Signalfarben kommuniziert. Sie locken nach außen durch Schönheit in Farbe und Form, tragen aber den Abgrund in sich, denn sie sind meist beim ersten Kontakt für den Menschen toxisch, also krankmachend. Sobald man sich aber näher mit einer Pflanze beschäftigt und ihre Giftstoffe in eine bestimmte Konzentration und Zusammensetzung bringt, kann sie – entgegen ihres vormaligen pathogenen "Konzepts" – auch kurativ wirken. Übertragen auf den Menschen wird hiermit die Kommunikation als ein Prozess definiert, der sich zwischen Abwehr, Schutz, Verlockung und tieferer Auseinandersetzung bewegt. Bruckmüller stellt die Pflanzen in großformatigen, gestochen scharfen Aufnahmen (bzw. als kleine Prints in einem Schaukasten) in einer nüchternen, dekorativen Ästhetik dar. Auf einer Liste stehen die lateinischen Bezeichnungen der Pflanzen sowie Funddatum und Fundort. Zu den Arbeiten werden von Heidelinde Leutgöb gelesene Texte aus dem Buch "Tod und Flora" von Helmut Eisendle eingespielt. Das Buch enthält eine Vorstellung von 33 Giftpflanzen und deren toxischen "Qualitäten" sowie meist fantastisch-absurde Berichte von Menschen, die durch von anderen Personen verabreichte Pflanzengifte verstarben. Darauf bezieht sich auch der Titel der Serie. Ergänzt wird das Projekt durch Apothekergläser mit – scheinbar – giftigen Extraktionen der Pflanzen. Heidrun Henke zeigt die Serie "Screening", in der Personen aller Altersklassen in abgedunkelten Räumen – allein oder zu zweit – auf Displays von Laptops, Handys oder Tablets schauen. Die Geräte sind oftmals nicht sichtbar für die BetrachterInnen, aber die beleuchteten Gesichter der User sind deutliches Anzeichen für ihre Tätigkeit. Durch den Schein der Bildschirme entsteht eine fast surreale Beleuchtung. Konzentriert und aufmerksam verfolgen sie das Geschehen auf dem Bildschirm. Die Bildtitel beziehen sich jeweils auf die Welt, in die die User gerade eintauchen, das kann ein Actionfilm sein, ein Kindervideo, Google Maps, eine Ultraschalluntersuchung oder eine Infosendung. Im wahrsten Sinne des Wortes "abgeschirmt" vom "realen" Umfeld versinken sie in einem "Second Life", unansprechbar und selbst mit einer zweiten zuschauenden Person nicht in intensivem Kontakt. Die spezielle Beleuchtung, die ähnliche, leicht nach vorne gebeugte Körperhaltung sowie das Blickverhalten der User sind charakteristische Zeichen unserer Zeit und unseres Kommunikationsverhaltens. So stellt die Serie auch die Frage nach der Wichtigkeit eines physischen Gegenübers, nach "realer" Interaktion, aber ebenso nach dem Stellenwert der digitalen Kommunikation. In einer Zeit erhöhter Ansprüche an flexible, aktuelle und schnelle Informationsübermittlung gilt es, die Technik konstruktiv in die individuelle Offline-Kommunikation einzubauen und das manische digitale Networking mit seinen spontanen Meinungsbekundungen und der fragmentierten Sicht auf die Welt kritisch zu reflektieren. Gerda Lampalzer zeigt die Videoarbeit "Transformation" als Beamerprojektion. Diese basiert auf einer diffizilen Schnitttechnik. Lampalzer beschäftigt sich hier auf poetisch-heitere Weise mit sprachwissenschaftlichen Untersuchungen sowie mit Kommunikations- und Verständigungsproblemen bzw. Bedeutungszuschreibungen. Sätze von fünf in ihren Muttersprachen (Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch, Slowenisch, Italienisch) sprechenden Personen wurden von Lampalzer manipuliert. Sie wurden in kleinste Lautpartikel zerstückelt, das heißt so geschnitten und neu montiert, dass am Ende deutsche Worte und Sätze entstanden wie z.B. "Ein Quatsch ist, dass alle bis Juni ein Bratei wollen. Mit Chili dazu. Das ist nicht multikultural, das ist kommunistisch. Rostbraten mit Most, das ist kosmopolitisch." Diese Texte wurden nie so formuliert, sie sind ein reines Kunstprodukt und haben eine vom ursprünglich Gesagten – z.B. philosophische Texte oder auch Kochrezepte – völlig unabhängige Bedeutung. Sie basieren aber auch auf der Verbindung von auditiven und visuellen Assoziationen der Künstlerin (Audiovision) sowie auf der Erfahrung, dass man in einer Fremdsprache oft Bruchstücke des Deutschen oder nicht Gesagtes zu hören glaubt. In dem Video "Transformation", das in vier Kapitel – Remontage, Konversation, Substanz und Demonstration – gegliedert ist, wird der Text von Sprache zu Schrift, von Schrift zu Bild und von Bild zu innerer Sprache transformiert und zu einer audiovisuellen Komposition verdichtet.
 
 
Bildunterschriften
Michaela Bruckmüller, aus:...sollst sanft in meinen Armen schlafen...: Papaver rhoeas (Klatschmohn): 14.5.2015 / Feldweg, Rohrbach bei Mattersburg, BGLD., 2015, C-Print, 135 x 100 cm
Heidrun Henke, aus der Serie, Screening: Die Hard 5, Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=1Wie1tGryw4,  C-Print auf Alu-Dibond, 30 x 45 cm
Gerda Lampalzer, Still aus: Transformation, 2009, eine Audiovision, Österreich 2009, HDV, 16:9, 23 min.
Ausstellungsansichten Raum Michaela Bruckmüller (Fotos: Bruckmüller)
 
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