Rooming-In I
15.3. - 13.4.2014
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Elisabeth Czihak, Daniel Leidenfrost, Flora Watzal
Vernissagenrede am 14.3.2014, Petra Noll:
Schwerpunktthema der beiden Ausstellungen zum zehnjährigen Jubiläum des Fotoforums Braunau ist die Auseinandersetzung mit Raum. Raum ist neben Zeit ein grundlegender Faktor unserer Wahrnehmung und Realitätseinschätzung. Der Titel Rooming-In ist hier zu verstehen als ein „Eindringen“, ein sich Einlassen auf den Raum und die Auseinandersetzung mit Raumdefinitionen. Der geometrische Raum, definiert durch Länge mal Breite mal Höhe, gilt als messbare, rational erfassbare Größe, die Ordnung, Klarheit und damit Orientierung vorgibt, gleichzeitig aber die Vorstellung von Raum einschränkt. Der gelebte Raum, in dem wir uns nur teilweise mit Geometrie orientieren, ist von zahlreichen verschiedenen, auch irrationalen, instabilen, ja chaotischen Faktoren bestimmt. Die KünstlerInnen untersuchen festgefügte Definitionen von Raum. Durch Verfremdungen – von surrealen, absurden, ironischen oder poetischen Bild-Konstellationen, Dekonstruktionen, Fragmentierungen und Verschiebungen bis hin zu Bild-Entleerungen – werden „normale“ räumliche Verhältnisse gestört. Es entstehen rätselhafte Räume zwischen Realität und Fiktion, die unsere Wahrnehmung irritieren und gleichzeitig neue Raumvorstellungen öffnen.  
Elisabeth Czihak beschäftigt sich mit den architektonischen Strukturen verlassener Orte und Räume. Es geht ihr um ein Hineinfühlen und -denken in den jeweiligen Raum, wozu auch eine intensive Recherche über dessen Vergangenheit gehört. Ihre Raum-Fotografien entstehen ohne vorherige inszenatorische Eingriffe und deutliche Hinweise auf Ort, Zeit und Umstände; so sind auch von Menschen nur deren Spuren zu sehen. Durch die Entleerung bzw. Dysfunktionalität bleiben die Räume rätselhaft – eine Poesie, die den Betrachterinnen und Betrachtern Offenheit für das eigene Hineinsehen ermöglicht. Zu der hier präsentierten Serie Looking for Rietveld gehören Fotoarbeiten und Tuschezeichnungen. Die Fotoarbeiten entstan-den in einem von dem niederländischen De Stijl-Architekten Gerrit Rietveld (1888-1964) für die Werkbundsiedlung Wien entworfenen, damals auf Grund der bevor-stehenden Renovierung leerstehenden Haus. Für dieses Projekt hat sich Czihak intensiv mit den architektonischen Vorstellungen und der Person Rietvelds beschäftigt. Sie hat dessen streng geometrische, funktional-puristische Formensprache in ihren Fotografien, die grundsätzlich nur Raumteile und Ausschnitte zeigen – und damit bewusst ein zusammenhängendes, vorbestimmtes Raumbild verhindern – aufgegriffen. Zu der Serie gehören Tuschezeichnungen, in denen sie die Räume in ganz ungewöhnliche Perspektiven sowie freie, unerwartete Ansichten und Ordnungen überführt, die die Raumdefinition erweitern.
Daniel Leidenfrosts Fotoarbeiten basieren grundsätzlich auf selbstgebauten Modellen; so auch die hier gezeigte Serie November. Bei den abgebildeten urbanen Architekturen, Straßen und Räumen geht es nicht um eine naturgetreue Nachbildung von „Welt“, nicht um eindeutig bestimmbare reale Orte und Situationen, wenngleich es sich auch um eine westlich geprägte gegenwärtige Stadtarchitektur handelt. Das Setting des Modells für die Fotografien ist frei erfunden, zugrunde liegen allerdings Gefühle, Assoziationen und Erinnerungen an real Gesehenes bzw. Erlebtes. Es handelt sich sozusagen um einen „Modellfall“ für die Realität. Die menschenleeren, aber auf Leben verweisenden Szenarien dieser Parallelwelt sind in die diffuse Dunkelheit der Nacht getaucht: Einige Teile werden durch Straßenlaternen, für die im Modell LED-Leuchtdioden verwendet werden, extrem ausgeleuchtet, andere verschwinden ganz in der Dunkelheit. Die Nacht, in der unsere Sehfähigkeit eingeschränkt ist und Konturen verwischt werden, verstärkt einerseits das Unheimliche, die Orientierungsschwierigkeit und damit Verunsicherung, andererseits wird aber auch ein romantisches Gefühl geweckt. In der Loslösung von den Gesetzmäßigkeiten des Tages eröffnet sich in der Nacht eine andere Wahrnehmung von Realität. – Die Poesie als prägendes Element der Bildgestaltung von Leidenfrost macht die Bilder offen für Geschichten sowie für eine neue Wahrnehmung und Definition von Raum.
Flora Watzals Beschäftigung mit Raum basiert – so wie in dem konzeptuellen Video Strobogramm – auf Störungen bzw. Dekonstruktionen von Struktur und Ordnung; hierzu verwendet sie Mittel wie die der Zerlegung, Rasterung, Verdeckung und Verschiebung und geht damit an die Grenzen der Sichtbarkeit. Diese Irritation – eine „Verlebendigung“ des Raums – ermöglicht eine andere Wahrnehmung. Das Raumexperiment in Strobogramm beginnt mit einem schwarzen Bild, das sich plötzlich in rechteckigen Segmenten von links oben in Leserichtung nach rechts unten zeilenförmig erhellt. Sobald fast die ganze Bildinformation freigegeben ist, verdunkelt sich der Raum wieder abschnitthaft. Wir sehen, dass die Künstlerin den Lichtschalter für eine Deckenlampe in ihrer Werkstatt an- und ausknipst: Im Takt des Lichtschalters werden die rechteckigen, in ein regelmäßiges Rastersystem gefügten Segmente, die über die Bildoberfläche ziehen, erhellt bzw. verdunkelt. Sie sind jeweils voneinander um acht Kader zeitversetzt. Der durch die partielle Erhellung/Verdunkelung nur in Abschnitten rezipierbare Raum – alles wirkt wie eine Bildstörung – eröffnet eine erweiterte Wahrnehmung und Raumerfahrung. Verstärkt wird dieses Erlebnis durch den stakkato-ähnlichen Ton, der durch das ständige An- und Ausschalten des Lichtschalters entsteht und sich durch Sound-Überlagerungen vom leisen Klicken bis hin zu einem lauten Rattern entwickelt und das erheiternde Raum-Zeit-Experiment pointiert.
 
 
1) Elisabeth Czihak, aus: Looking for Rietveld, 2011–2013, analoger C-Print, 42 x 42 cm
2) Elisabeth Czihak, aus: Looking for Rietveld, 2011–2013, Tusche auf Papier, 42 x 60 cm
3) Daniel Leidenfrost, aus: November, 2010, C-Print auf Dibond, 30 x 40 cm
4) Daniel Leidenfrost, aus: November, 2010, C-Print auf Dibond, 30 x 40 cm
5) Flora Watzal, aus: Strobogramm, 2011, Video, 3. Min., Ton
6) Flora Watzal, aus: Strobogramm, 2011, Video, 3. Min., Ton
 
 
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