Rooming-In II
27.9. - 26.10.2014
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Catharina Freuis, Hund & Horn und Martin Osterider
Vernissagenrede am 26.9.2014, Petra Noll:
Auch die zweite Ausstellung des diesjährigen Schwerpunkts beschäftigt sich mit Raum. Der Begriff „Rooming-In“, der ja ursprünglich anders besetzt ist, aber auch dort ein intimes Raumverhältnis beschreibt, ist als ein „Eindringen“, ein intensives sich Einlassen auf Raum zu verstehen. „Raum hängt primär nicht an der gebauten Substanz, sondern am Grad der Lebendigkeit des Gesamtzustandes“. Dieses Zitat von Franz Xaver Baier („Der Raum“, 1996) passt sehr gut zu den beiden Ausstellungen. Auch in Rooming-In II wurden von den Künstlerinnen und Künstlern Räume transformiert. Sie haben dabei mit Mitteln der Verfremdung wie De- und Neukonstruktion, Fragmentierung, Ding-Arrangement und Bild-Entleerung gearbeitet oder auch spezielle fotografische/filmische Perspektiven und Ausschnitte verwendet. Dinge gerieten dadurch „in Bewegung“, haben ein raumprägendes Eigenleben bekommen. Durch „instabile“ und „irrationale“ Faktoren sind rätselhafte, surreale, absurde, ironische oder auch poetische Bildkonstellationen entstanden. „Normale“ Raumverhältnisse wie architektonische Regeln, physikalische Gesetze oder festgelegte Nutzungsbestimmungen, die üblicherweise für Ordnung und Orientierung sorgen, wurden gestört und dadurch lebendige Räume geschaffen, die neue Vorstellungen von Raum, Wahrnehmung und Wirklichkeit zu eröffnen vermögen.
Catharina Freuis zeigt mehrere Serien. Zu sehen sind menschenleere, sparsam möblierte und farblich reduzierte Räume, die meist zwar eine architektonische Ordnung aufweisen, aber durch erhebliche Eingriffe in einen oft chaotischen, manchmal bedrohlichen, surrealen Zustand versetzt werden. Ihre Fotografien basieren auf Miniatur-Raummodellen, die sie so präzise anfertigt, dass sie täuschend echt wirken. Bei den in die Modellräume eingefügten, verfremdenden und meist emotionsgeladenen Elementen handelt es sich beispielsweise um auf verschiedene Weise ungewöhnlich angeordnete Geweihe in den beiden Fotografien von Stube oder – in der dreiteiligen Serie Sif – um Haare, die den Raum von Bild zu Bild immer stärker überwuchern. Der Name „Sif“ kommt übrigens aus  der nordischen Mythologie; es ist die Gattin des Donnergottes Thor; ihr wurden von einem Mann namens Loki hinterlistig die goldenen Haare abgeschnitten, zur Strafe musste er ihr einen neuen Haarschmuck aus Gold machen, der wie Haar wachsen konnte. – Durch ihre Verwandlungen konventioneller Räume kreiert Catharina Freuis –  auch wenn sie im ersten Moment oft bedrohlich oder gar etwas ecklig wirken wie die Haarüberwuchung – poetische Räume. Poesie ermöglicht eine erweiterte Wirklichkeitsauffassung, Offenheit und Fantasie. Durch die Handlungen der Künstlerin gerät der Raum „in Bewegung“, verliert die Starrheit seiner architektonischen Konstruktion, wird „lebendig“ und somit offen für neue Wahrnehmungen und Definitionen. Dies gilt auch für die Arbeiten Arrangements oder Darbietung, obwohl hier die Vorgehensweise differiert. Möbel sind in einem schwarzen, architektonisch nicht näher bestimmbaren Raum durch Beleuchtung hervorgehoben und in Darbietung noch gespiegelt. Hier sind es nicht die surrealen Überwucherungen, sondern die Unbestimmtheit von Raum, die für Unsicherheit sorgt, aber gleichzeitig ebenfalls poetische Räume und neue Zugänge eröffnet. Ihre Arbeit versteht sich auch als eine Auseinandersetzung mit Wahrheit und Fiktion – auch in Bezug auf die eine realistische Situation illusionierende Fotografie.
Paul Horn und Harald Hund führen räumliche Verhältnisse, physikalische Gesetze und die gängige Vorstellung von Normalität ad absurdum. Sie stellen damit die Definition von Raum neu zur Disposition. Der hier gezeigte Kurzfilm ist das zweite Werk aus ihrer sogenannten„Wohnserie“. Hierfür inszenierten sie aufwändig Alltagssituationen von Menschen unter absurden Bedingungen. Einer dieser Filme aus der Serie ist Tomatenköpfe, diesen habe ich einmal hier in der Nähe in Eggenfelden gezeigt. Hier geht es um ein Spaghetti essendes und Wein trinkendes, an einem Tisch sitzendes Paar. Ihre hochroten Köpfe, die hochfliegenden Spaghetti usw. weisen auf eine Unregelmäßigkeit. Alles scheint anstrengend zu sein. Tatsache ist, dass das ganze Arrangement – essendes Paar und Möbel – umgekehrt an der Decke montiert wurde. Ein weiteres Video der Serie (Apnoe) zeigt den Tagesablauf einer Familie, auch sie hat große Probleme bei der Bewältigung ihres Lebens. In der Schwerelosigkeit – sie befinden sich unter Wasser – erscheinen vorgeprägte Muster und Verhaltensweisen in einem anderen Licht. – In dem hier gezeigten Film Dropping Furniture sieht man zunächst ein leeres, bedrückend wirkendes, abgewohntes Wohn- und ein Nebenzimmer. Man hört leise, kaum wahrnehmbare Geräusche, die unterschwellig Spannung erzeugen. Plötzlich fallen zuerst ins Nebenzimmer, dann ins Hauptzimmer in Zeitlupe wie von Geisterhand erst ein Kronleuchter, dann immer mehr altmodische Möbel, Pflanzen, Regale und sogar ein Aquarium in Zeitlupe von der Decke herab und zerschellen lautstark am Boden. Begleitet wird das Geschehen von einer den verlangsamten Bildern angeglichenen, mit viel Hall aufgenommenen Tonspur. Hundebellen ist zu hören, menschliche Stimmen, Glocken und am Ende läutet ein Telefon. Mit dieser absurden Aktion verschieben sich nicht nur normale Raumverhältnisse. Sie ist auch zu verstehen als Zerstörung von Lebensraum, als symbolisches Bild für den Verlust von Existenz. Man erfährt wenig über den/die Bewohner des Zimmers, außer dass es wohl eine altmodisch-spießige Familie gewesen sein muss. Warum die Zerstörung? Handelt es sich um Existenzverlust oder Befreiung von alten, erstickenden Verhältnissen?
Martin Osterider zeigt Arbeiten aus zwei Serien. Er untersucht die Beziehung von Raum, Bild (Fotografie) und Objekt. Er fotografiert – meist im urbanen öffentlichen Raum – Architekturen sowie skulpturale Formen und Situationen. Der Titel einer Serie, Rasches Displacement, formuliert seine grundsätzliche Vorgehensweise, das rasche, zunächst mentale, dann fotografische Aufnehmen gefundener, unscheinbarer und flüchtiger Gegebenheiten. Ein umgedrehter Tisch mit drei Beinen, ein kleines Loch im Gehweg – von allen Seiten großzügig abgesperrt, ein Stuhl vor einem Mauerstück und Verpackungsmaterial ...Diese Fundstücke werden aus speziellen Perspektiven, Bildwinkeln und mit der Wahl besonderer Ausschnitte fotografiert. Im Atelier findet der zweite Arbeitsschritt statt, die Kombination und Neukontextualisierung der Bilder sowie das Entwickeln installativer Möglichkeiten. In A few of my point of view besteht die Neuordnung in der Gegenüberstellung von jeweils zwei aus unterschiedlichen Zusammenhängen kommenden Bildern, wodurch sich neue formale  Konstellationen und inhaltliche, ja gesellschaftskritische Andeutungen sowie Raum-Objekt-Bild-Bezüge und Lesbarkeiten eröffnen können. Das gilt ebenso für die Einzelbilder der Serie Rasches Displacement. Interessant für das Thema ‚Raum’ ist die Frage, wie denn ein Objekt – nehmen wir das umgekippte Sofa aus der Serie A few of my point of view – auf den Raum einwirkt? Im nächsten Moment könnte es aufgestellt, beseitigt oder weggeschoben sein. Durch die sich dadurch verändernden Situationen kann Raum immer anders gesehen werden. Zudem interessiert Osterider die Frage, was denn der Raum im Gegenzug mit einem Ding macht. Die Tatsache, dass sich ein Ding wie das Sofa in einem ungewohnten Kontext befindet  – also nicht schön aufgestellt in einem Wohnzimmer, sondern umgekippt auf einem Gehsteig – dies befreit es von seiner ursprünglichen Funktionalität und öffnet den Weg zu neuen – skulpturalen – Qualitäten.
 
 
1) Catharina Freuis, aus der zweiteiligen Bildfolge Stube, 2011, 80 x 115 cm
2) Raumansicht Catharina Freuis
3) Paul Horn und Harald Hund, Dropping Furniture, 2008, HD-Video, 16:9, 5:30 min.
4) Raumansicht Hund & Horn
5) Martin Osterider, aus: A few of my point of view, 2008_2014, analoge und digitale C-Prints, je 32 x 24 cm
6) Raumansicht Martin Osterider
 
 
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