... sagt mehr als 1000 Worte
22.4.–22.5.2005
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Franz Bergmüller, Sabine Dehnel, Andrea Eßwein, Michael Sardelic
Katalogvorwort, Petra Noll:

In beiden Ausstellungen des Jahres 2005 geht es um Körper. Für die erste Ausstellung mit dem Titel ”...sagt mehr als 1000 Worte” wurden Foto-Künstlerinnen und -Künstler aus Deutschland und Österreich ausgewählt, die sich auf unterschiedlichste Weise mit Körpersprache beschäftigen. Unter Körpersprache sind die nicht-sprachlichen Ausdrucksweisen des Körpers zu verstehen, die durch Signale als Schlüsselreize abgegeben werden. Zusätzlich zur verbalen Kommunikation oder anstelle von verbalen Äußerungen dient die Körpersprach zum Austausch bzw. zur Weitergabe von Informationen. Körpersprache umfasst Phänomene wie Gestik, Körperhaltung, Blick- und Körperkontakt bzw. Distanzverhalten, Gesichtsausdruck usw. Nur zu einem kleinen Teil wird die Körpersprache bewusst durch Verstand und Vernunft gesteuert, viel häufiger kommen die Signale aus dem Unterbewusstsein. „Nonverbale Kommunikation“ schließt die ganze Körpersprache mit ein und beinhaltet zusätzlich Körperbau, Kleidung, Schmuck, Sprechweise, Körperpflege usw. Die Gebärdensprache ist ein eigenes, visuell-motorisches Sprachsystem der Gehörlosen. Der nonverbale Ausdruck nimmt den größten Teil unserer Kommunikation ein, sagt tatsächlich mehr als 1000 Worte. Körpersignale sind ehrlich und können viel über unsere Gedanken, unser Seelenleben, über Ängste, Freuden und über unseren Charakter verraten. Die Deutungsmöglichkeiten sind vielfältig, sie werden erschwert durch kulturelle, soziale und religiöse Unterschiede, historische Traditionen, Unterschiede zwischen Mann und Frau, Erwachsenem und Kind.
Franz Bergmüller untersucht die Position des Individuums im gesellschaftlichen Kommunikationsprozess. Seine Fotoobjekte von menschlichen Körpern oder Körperteilen funktionieren wie „Hampelmänner“, die man durch Ziehen bewegen bzw. ihre Körperhaltung und/oder ihren Gesichtsausdruck verändern kann. Diese Bewegung löst Bergmüller an anderen Objekten auch durch Motorenantrieb, Blasebalg oder verschiedene andere Mechanismen aus. Aus inaktiven Menschen werden aktive, die Stimmungen ändern sich, die Gesichter und Körper zeigen Ekel, Überraschung, Freude. Hier geht es um die Auseinandersetzung damit, dass sich Menschen– mehr oder weniger freiwillig – in ihrem Verhalten und eben auch in der Körpersprache gesellschaftlichen Normen, Zwängen und Erwartungen anpassen und von ihnen abhängig sind, zum anderen aber auch fähig sein können, aus traditionellen Erwartungen auszubrechen. In Bewegung gesetzt durch die Aktivität des Rezipienten, sind die Figuren zwar abhängig, entwickeln aber ein Eigenleben von zum Teil grotesken Ausmaßen, das als Ausdruck persönlicher Freiheit gewertet werden kann.
Sabine Dehnel zeigt Arbeiten aus verschiedenen Fotoserien. Ihre Personen bleiben anonym, denn die Körper sind nur fragmentarisch oder angeschnitten zu sehen (außer Serie Nisan), häufig fehlen die Köpfe. Sabine Dehnel ist Malerin und Fotografin. Sie untersucht Wesen und Wahrheitsgehalt beider Medien. Viele ihrer Motive gibt es in fotografischer und malerischer Umsetzung, und Dehnel gelingt auch selbstverständlich die Verbindung von Malerei und Fotografie: häufig bemalt sie vor dem Fotografieren die Haut der Dargestellten und akzentuiert damit bestimmte Körperteile und Gesten mit nicht selten grotesker, irrealer Wirkung. Diese Künstlichkeit wird potenziert durch Mittel wie befremdliche Beleuchtungen, Unschärfen, Fragmentierungen sowie durch die Ausblendung der Individualität. Und dennoch sagen Körperhaltungen, Bewegungen und Gesten viel über allgemein menschliche Verhaltensweisen und innere Zustände aus, erinnern an vertraute Situationen des eigenen Lebens. In der Serie „Nisan“ wird die Künstlichkeit mit einer gewaltigen Bühneninszenierung erreicht: Das Meer besteht aus Plastikfolie, bestück mit Papiermöwen. Nur das winkende Kind ist echt. Aber es schaut uns nicht an, und die Geste des Winkens kann nicht eindeutig entschlüsselt werden. Dennoch eröffnen Geten und ein Ambiente wie dieses Erinnerungen an eigene (Kindheits-)Erlebenisse und damit verbundene Gefühle.
Andrea Eßweins Fotoarbeiten beschäftigen sich mit bewusst eingesetzter Körpersprache, mit der gezielt etwas ausgedrückt oder kreatives Potential genutzt werden kann wie bei dem Choreografen und Tänzer Philipp Gehmacher vom Wiener Tanzquartier. Ausgangspunkt war dessen Idee, Gesten aus seiner Tanzpraxis nachzustellen und von Eßwein fotografieren zu lassen, um eine Art „Gestenatlas“ zu erhalten. Gehmacher wurde als Ganzkörperporträt vor weißem Hintergrund festgehalten. Er stellt in jedem Fot eine andere Geste aus seinem Bewegungsrepertoire dar, das sich im Lauf der Zeit zu einer unverwechselbaren Körpersprache entwickelt hat. Durch die farbliche Reduktion, die Ruhigstellung des Körpers, die Vermeidung eines Blickkontakts sowie durch den neutralen Hintergrund wird die Konzentration auf die Bewegungen der Arme und Hände gelegt. Seine Gesten stehen im fotografischen Bild nicht in einem Zusammenhang wie in einer choreografierten Tanzfolge und sind somit auch nicht eindeutig interpretierbar. Zudem fällt die Deutung sehr schwer, da es sich nicht um alltägliche, bekannte Gesten handelt. Aber es geht der Künstlerin auch nicht um Interpretationen. Die Themen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung sind Individualität und Identität sowie die problematische Kommunikation in unserer Mediengesellschaft. Die kommunikativen Möglichkeiten, auch die Gestik, verarmen durch die Isolierung der Menschen vor dem Computer. Ihre Bildes des Tänzers sprechen von diesen kommunikativen Schwierigkeiten, andererseits gibt er Hoffnung als Person, die Gestik einsetzt und fördert.
Michael Sardelic. Aus dem Unterbewusstsein kommt die Körpersprache bei den von Michael Sardelic fotografierten Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts.
Es sind Ganzkörperporträts von Menschen in seelischen Konfliktsituationen, dargestellt als Anziehpuppen mit dazugehörenden Kleidungsstücken und/oder Gegenständen auf Ausschneidebögen in überdimensionaler Größe. In dieser work-in-progress-Serie, die in Form von Diptychen oder Triptychen gestaltet ist, geht es um die geistige Bewältigung und Verarbeitung von plötzliche auftretenden Konflikten sowohl für die Betroffenen als auvh für die Außenstehenden. Die Auseinandersetzung läuft auf der rein kognitiven Ebene ab, da die Teile nicht ausgeschnitten und zusammengesetzt werden können wie bei den Kinder-Anziehpüppchen aus Papier, die als gestalterische Vorlage dienen. Körperhaltung und Gestik der dargestellten Personen sowie die Isolation der fast nackten Körper vor neutralem Hintergrund, aber auch individuelle oder die genormte Kleidung sagen viel über ihren inneren
Zustand und Charakter aus. Gekrümmte, abgewandte Körper, gesenkte Köpfe und Hände vor dem Gesicht sprechen von Ängsten aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz, von Unsicherheit, Verlegenheit, Einsamkeit sowie von dem Gefühl der Unzulänglichkeit. Aber es gibt auch Menschen, die sich dem Fotografen gegenüber selbstbewusst und sicher zeigen. Die eindringliche Körpersprache macht in jedem Fall eine Analyse möglich, die therapeutisch genutzt werden kann.

 
 
1) Franz Bergmüller, Fotoobjekt mit Motorantrieb, 2004, ca. 40 x 50 cm
2) Ausstellungsansicht_Franz Bergmüller
3) Sabine Dehnel, aus einer 9tlg. Serie, "Nisan VI, 2004, C-Print, Diasec, Aludibond, 40 x 43 cm
4) Sabine Dehnel, aus einer 9tlg. Serie, "Campingstuhl VII", 2002, C-Print, Diasec, 80 x 120 cm
5+6) Andrea Eßwein, aus dem "Gestenatlas", Nr. 0341 und 0342, 2004, C-Prints, Aludibond, 120 x 90 cm und 60 x 50 cm
7) Michael Sardelic, aus der Serie "movere", Bogen 6, 2003, Triptychon, Digitalprint, 81 x 210 cm
8) Michael Sardelic, aus der Serie "movere", Bogen 5, 2002, Diptychon, Digitalprint, 81 x 140 cm
 
 
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