StillStand II
26.9.–26.10.2008
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Walter Ebenhofer, Walter Mirtl, Wolfgang Reichmann
Katalogvorwort, Petra Noll

Das diesjährige Thema der beiden Ausstellungen im Fotoforum Braunau ist das Stillleben mit Arbeiten zeitgenössischer Kunst, die weit über das traditionelle Genre – ursprünglich dekorativ auf einer Art Bühne inszenierte, „leblose“ Dinge, meist Lebensmittel – hinausgehen. Zu sehen sind Positionen experimentell-konzeptueller Foto- bzw. Videokunst mit hohem ästhetisch-sinnlichen Wert.
Die Künstler der Ausstellung im Frühjahr diesen Jahres (Robert F. Hammerstiel, Thomas Wrede, Robert Zahornicky) haben sich in ihren Arbeiten zum Thema „Stillleben“ mit Wahrnehmung bzw. Verhaltensmustern des Sehens, mit Sein und Schein, mit Wirklichkeit und Fiktion auseinandergesetzt.
Auch den Künstlern der zweiten Ausstellung geht es nicht um die realistische Wiedergabe von Dingen, sondern ebenfalls um kunstimmanente Probleme, um Wahrnehmung. Die Dinge – und das sind in dieser Ausstellung nicht mehr Lebensmittel, sondern Objekte und alltägliche Gegenstände – werden in ungewöhnlichen Zusammenhängen und auf ungewohnte Art gezeigt.
Walter Ebenhofer, geb. 1952 in Niederösterreich, lebt in Steyr/Oö. Er zeigt im 3. Obergeschoss Arbeiten aus der Serie „das Schöne, zum Beispiel“. Seine Farbfotografien zeigen Gegenstände, die als Dekorationselemente in Möbelhauskatalogen u.a. Magazinen abgebildet sind; das sind sogenannte „geschmackvolle“ Dinge, die, ergänzend zu den Möbeln, eine gemütliche Atmosphäre, ein komfortables Wohnen vermitteln sollen. Walter Ebenhofer hat die Katalogabbildungen nach kaum mehr wahrnehmbaren Dingen abgesucht. Die Gegenstände – beispielsweise Hut, Kleid, Schale, Figur – die von Dekorateuren auf Tischen, Schemeln, Betten, Fauteuils drapiert wurden –, hat er aus dem Zusammenhang genommen, isoliert, fokussiert und damit Nebensächlichkeiten in den Vordergrund gestellt. Die Rasterpunkte auf den Fotografien verweisen auf den ursprünglichen Zusammenhang der gedruckten Abbildung. Rasterpunkte sind das, was man bei einer gedruckten Abbildung in Kauf nimmt, in der Kunst aber üblicherweise vermeidet. Wenn sie hier dennoch so groß und dominant sichtbar bleiben, kann es nur um einen Ästhetikansatz gehen, durch den die Dinge in einem unüblichen Licht erscheinen.
So sind diese Stillleben auch eine Auseinandersetzung mit Schönheit und Aura. Sie zeigen nicht die verführerische, dramatische Schönheit opulent inszenierter Gegenstände, sondern die „stille Schönheit“ alltäglicher Dinge. Eine Schönheit, die auch gebrochen ist, nicht nur durch das Zulassen der Rasterpunkte, sondern auch durch die Ausschnitthaftigkeit, die radikale Isolierung der manchmal fast wie liegengelassen wirkenden Gegenstände und die befremdliche Farbigkeit. Ebenhofers Bilder sind auch eine Auseinandersetzung mit Bild und Abbild sowie mit der Funktion des Raumes, der hier oft nur wenig angedeutet ist und somit zu irritierenden Abstraktionen führt.
Ungewöhnliche Bildsituationen zeigen auch die ganz anders gearteten Arbeiten von
Walter Mirtl im 2. Obergeschoss. Walter Mirtl wurde 1959 in Horn/Niederösterreich geboren und lebt in Brüssel. Er zeigt 12 kurze Videosequenzen aus der 2003 begonnenen Werkgruppe „Loops“, ein extremer und innovativer Beitrag zum Thema „Stillleben“, der per se durch die bewegten Bilder konträr zur Eingefrorenheit von Objekten im gemalten und fotografierten Bild steht.
In diesen Filmen sind meist Gegenstände – wie z.B. ein Rohr, eine Musikcassette, Kugeln, Tische, Semmeln, eine Zahnpastatube oder auch computerkreierte Dinge – im Mittelpunkt des Geschehens. Diese Objekte sind häufig in Bewegung und dennoch kann man von eine „StillStand“ (Titel der Ausstellung!) sprechen, da die Bewegung sich immer wiederholt und es somit kein Fortkommen, sondern ein Verharren gibt. Die Bildsituationen entstehen sehr oft durch den Wechsel oder die Überblendung von zwei äußerst konträren Szenen, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben. Die eigentliche „Erzählung“ jeder Sequenz, die aus minimalen Bewegungen und Handlungen besteht, ist nur jeweils zwei Sekunden lang, bekommt aber durch die mehrfache Wiederholung eine große Eindringlichkeit. Die Bildsituationen werden untermauert von Sound bzw. von Geräuschen, die den Rhythmus der Handlung unterstützen.
Einige Bildsequenzen bestehen auch aus Parallelsituationen, in denen Objekte in oder vor Räumen fliegen. Oder Dinge sind fokussiert wie z.B. die „Red Box“, die vor einen flimmernden Hintergrund gestellt ist, oder die Colgate-Tube, die, begleitet von einem Aufprallgeräusch, herabfällt. Die surreale Methode der Bildauswahl, bearbeitung, montage und -kombination, d.h. die abrupten Brüche, die Überschneidungen, die Bewegung der normalerweise ruhigen Dinge und die Geräusche – alles das schafft rätselhafte, geheimnisvolle, manchmal mystische, auch bedrohliche Situationen und Kompositionen, die die Objekte und die sie umgebende Welt in einem völlig neuen Licht und zeitlos erscheinen lassen.
Wolfgang Reichmann, geboren 1962 in Villach/Kärnten, lebt in Wien. Er zeigt im 1. Obergeschoss Arbeiten aus der Serie „Bag pieces“; diese sind auf ganz andere Weise als bei Walter Mirtl eine Auseinandersetzung mit der Erscheinung von Dingen und der Frage nach deren Wahrnehmung. Durch die Verwendung der Technik des Fotogramms erscheinen die Objekte – in diesem Fall Plastiksackerln (A) bzw. Plastiktüten (D) – durchsichtig wie geröntgt und bekommen etwas schwebend Leichtes und Malerisches.
Ein Fotogramm erzeugt man, indem man mehr oder weniger transparente Objekte zwischen einen lichtempfindlichen Film, Fotopapier und Lichtquelle bringt, dann belichtet und weiterbearbeitet. Wolfgang Reichmann hat die Plastiksackerln auf klassisches Barytpapier gelegt und sie belichtet, später dann fixiert, gewässert, geglättet und kaschiert. Eine Kamera wird dadurch überflüssig, d. h. die Produktionsabläufe zur Entstehung eines Bildes sind so reduziert, dass das fotografische Element nur noch fragmentarisch übrig geblieben ist.
Unter Zuhilfenahme dieser Technik wird eine neue, eine geheimnisvolle Seite der Objekte offengelegt. Auch diese Arbeit geht weit über die klassische Darstellungstradition des Stilllebens hinaus: frei bewegen sich die Dinge im Raum und sind scheinbar bis auf ihr Innerstes durchleuchtet. Sie sind nicht nur ihrer ursprünglichen pragmatischen Zweckbestimmung, sondern auch ihres üblichen Aussehens enthoben und bekommen dadurch eine Aura des Geheimnisvollen, eine irritierende Uneindeutigkeit. Wolfgang Reichmanns Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit dem Realen bzw. seiner Spuren auf dem Papier, mit seiner fotografischen Darstellbarkeit; die Bilder sind ein Spiel mit der Wahrnehmung der Dinge und der Welt. Es ist auch eine Hinterfragung der Möglichkeiten von Fotografie und Malerei.
Der ein oder andere Besucher wird zunächst vielleicht gar nicht bemerken, dass er sich in einer Stillleben-Ausstellung befindet. Die drei Positionen zeigen, wie weit man sich vom Genre entfernen kann bzw. wie man es erweitern kann, um zu den Dingen zu kommen, um die es in der Kunst geht: mit Irritationen, Uneindeutigkeiten und ungewohnten Darstellungsformen verschiedene Ebenen der Wahrnehmung zu ermöglichen. Dies beinhaltet immer auch eine Hinterfragung des ursprünglich auf getreue Abbildung der Wirklichkeit hin reduzierten Mediums der Fotografie.

 
 
1+2) Walter Ebenhofer, aus der Serie "Das Schöne, zum Beispiel", 2003/04, C-Prints, je 21 x 29,7 cm
3) Walter Mirtl, "Nozomi", aus der Serie "Loops", DVD-Video mit 12 Loops, MPEG 2, PAL, 4:3 Sound, 23 Min.
4) Raumansicht_Walter Mirtl
5) Wolfgang Reichmann, aus der Serie "Bag Pieces", 2005, Fotogramm, Gelatin Silver Print auf Aludibond, 60 x 50 cm
6) Raumansicht_Wolfgang Reichmann
 
 
 
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