Szenario II
3.10.–1.11.2009
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Laurent Dejente, Anja Manfredi, Sissa Micheli
Rede zur Eröffnung, 2.10.2009, Petra Noll

In der zweiten Ausstellung zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Erzählung“ werden auf Inszenierungen beruhende Foto- und Videoarbeiten von Laurent Dejente, Anja Manfredi und Sissa Micheli gezeigt. Während es in der ersten Ausstellung um „trügerische“ Raumszenarien ohne bzw. mit untergeordnet vorkommenden Menschen ging, handelt es sich bei den Arbeiten in “Szenario II” um schauspielerisch realisierte Szenarien. Die von den KünstlerInnen nach subjektiven Dramaturgien konzipierten Arbeiten sind szenische Darstellungen mit Menschen; vorzugsweise nehmen die KünstlerInnen sich selbst und Bekannte als ProtagonistInnen. Die Handlungen der Akteure beruhen in erster Linie auf alltäglichen Gegebenheiten und erscheinen doch eigentümlich fremd, uneindeutig, manchmal phantastisch. Dies resultiert daraus, dass sich in ihnen dokumentarische und fiktive Elemente ver-mischen. Die KünstlerInnen dekonstruieren Mechanismen, die üblicherweise zum Verständnis von Welt herangezogen werden, dabei wird auch die Verlässlichkeit fotografischer Bilder hinterfragt. Es werden neue Wege der Wahrnehmung eröffnet, indem bewusst „nur“ erzählerische Impulse gesetzt werden. Die hier gezeigten Arbeiten bieten keine fertigen Geschichten im Sinne einer logischen Entwicklung an, sondern vielschichtige Szenarien, die Brüche, Täuschungen, ja Auflösungstendenzen beinhalten. Alles bleibt in der Schwebe, viele Bedeutungen und Geschichten sind möglich.
Laurent Dejente beschäftigt sich in seinen Video- und Fotoarbeiten mit der Beziehung von Körper und Raum (bzw. Mensch und Umwelt). Die Personen stehen in ungewöhnlichen, teilweise paradoxen Beziehungen zum Raum. Die Bilder lösen Überlegungen darüber aus, wie sie entstanden sind und funktionieren. Laurent Dejente inszeniert sich bzw. seine Bekannten und Freunde in elementaren Posi-tonen wie sitzen, stehen, liegen, kauern usw., die aber dennoch zum Teil akro-batische Leistungen verlangen. Er filmt/fotografiert, indem er die Kamera kippt bzw. um 90 oder 180 Grad dreht, was den Bildraum zum Rotieren bringt. Die üblicherweise Körper und Raum verbindenden Gesetze (Schwerkraft, rechts-links, oben-unten) werden dadurch aufgehoben. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte, die diese Transformation erkennen lassen (Gegenstände, Vegetation, Muskelspiel der Darsteller) und eine räumliche Referenz geben. Zusätzlich irritierend ist, dass die Räume, die sich meist im urbanen Außenbereich befinden, nur spartanisch ange-deutet sind, oft sind es nur Linien und Oberflächen wie z. B. Wand und Boden. Dies erschwert zusätzlich die Orientierung. Es geht Laurent Dejente grundsätzlich nicht um visuelle Experimente, sondern darum, eine dynamische, offene und überraschende Beziehung zur Welt zu schaffen, Regeln des Schauens zu brechen und unseren Blick zu weiten. Die Welt sozusagen „auf den Kopf zu stellen“, bedeutet auch, Sitten, Werte und Strukturen umzudrehen, die sie beherrschen und uns bedingen. Laurent Dejente bietet dadurch neue Ansätze zur Reflektion und zur Erfindung neuer Geschichten.
Aus einem langjährigen Interesse am Thema „Bewegung“ stellt die Foto- und Videokünstlerin Anja Manfredi Gesten, Posen und Bewegungsabläufe nach – mit sich selbst als Protagonistin, mit Freunden sowie mit Figuren der aktuellen und historischen Künste, insbesondere des Tanzes. Die hier gezeigten Fotoarbeiten aus der Serie “Reproduce” gehören zu einer in Zusammenarbeit mit der Tanzwissen-schaftlerin und Kuratorin Nicole Heitzinger aus Salzburg entstandenen Serie über drei Ikonen des Tanzes um 1900. Allen drei Tänzerinnen ist der individuell geprägte Ausdruckstanz, der das klassische Ballett reformierte und die Grundlage für den modernen Tanz schuf, zu eigen. Die in Braunau gezeigte Serie bezieht sich auf Grete Wiesenthal (1885-1970), Solotänzerin des Wiener Hofopernballs, die für ihre eigenwilligen Walzerinterpretationen bekannt geworden ist. Ihr Bewegungs-vokabular, das in Form von dokumentarischem, durch Anja Manfredi in intensiver Recherche erarbeitetem Bildmaterial überliefert ist, wurde von der Tänzerin, Per-formerin und Choreografin Linda Samoraweerová (Wien/Prag) nachgestellt. Anja Manfredi hat die Tänzerin fotografiert, die Figuren dann ausgeschnitten, auf Tableaus vor neutralem Hintergrund montiert und sie erneut fotografiert. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man, dass es sich um immer dieselbe Darstellerin handelt, dass es abfotografierte Fotografie ist. Realität und Fiktion vermischen sich zu einer uneindeutig-assoziativen Bilderzählung, die viele Interpretationen und Möglichkeiten von Geschichten eröffnet.
Sissa Michelis fotografische Bildgeschichten und Videos geben Rätsel auf, konfrontieren den Betrachter mit der Frage nach Sinn und „Wahrheit“ bildlicher Darstellungen bzw. nach der Glaubwürdigkeit von Fotografie. Menschen, meist angeschnitten, halb verdeckt oder aus ungewöhnlichen Perspektiven gesehen, agieren in alltäglichen, aber auch in sehr dramatischen oder surrealen Konstel-lationen mit Emotionen und Stimmungen wie Unsicherheit, Traurigkeit, Müdigkeit, Nachdenklichkeit, Resignation, Einsamkeit. Die Posen und Geschehnisse lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Tatsächlich sind Sissa Michelis Bilder Inszenierungen: Mit sich und Bekannten als ProtagonistInnen stellt sie Geschichten bzw. Begebenheiten nach, an die sie sich erinnert, die sie erzählt bekommen oder Berichten in Zeitungen entnommen hat (letztere tragen den Titel der jeweiligen Schlagzeilen, beispiels-weise „Let this be a Dream, NY Times, October 2, 2006“ oder “Couple Killed in a Fight in Brooklyn, NY Times, July 23, 2006). Basis ihrer Geschichten ist also die Vergangenheit, das Gewesene, das sie in realer Umgebung wieder statt-finden lässt, eine Auseinandersetzung mit Raum und Zeit. Michelis Arbeiten sind zwischen Realität und Fiktion angesiedelt. Die fiktiven Elementen kommen in ihre Arbeiten durch die subjektive Interpretation oder auch durch Erinnerungslücken, die sie frei mit eigenen Geschichten füllt. Dadurch wird die dokumentarische „Beweiskraft“ von Fotografien gebrochen. Die Betrachter werden zu Ermittlern, die diese offen konstruierten, uneindeutig-geheimnisvollen Erzählungen entschlüsseln bzw. ihre eigenen Geschichten und Gedanken ergänzen können.

 
 
1) Sissa Micheli, aus: "The presentiment", 2007, C-Print, 40 x 50 cm
2) Laurent Dejente, aus: "City Break – La Passerelle", 2008, Still aus Video, sound, 0,45 Min.
3) Raumansicht_Laurent Dejente
4) Anja Manfredi, aus "Re-produce, Grete Wiesenthal mit Linda Samaraweerová", 2008, C-Print, 40 x 50 cm
5) Raumansicht_Anja Manfredi
6) Raumansicht_Sissa Micheli
 
 
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