Terra Cognita I
28.4.–27.5.2007
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Reinhard Blum, Alexander Huemer, Joyce Rohrmoser und Karl Weibl
Rede zur Eröffnung, 27.4.2007, Petra Noll

Diese (sowie die zweite Ausstellung in diesem Jahr im Fotoforum) heißt Terra cognita – Landschaft in der zeitgenössischen Fotografie (cognitus, latein.: bekannt, erforscht). Künstler haben auf unterschiedlichste Art und Weise Landschaft erforscht.
Landschaft ist zwar das verbindende Thema dieser Ausstellung, aber die Beschäftigung der drei Künstler und der Künstlerin, drei Österreicher und ein Deutscher, geht weit über das eigentliche landschaftliche Motiv, über das Genre hinaus. Vielmehr geht es um konzeptuelle Ansätze, um Wahrnehmung, Sehen, um Raum und Zeit, um psychologische und soziale Aspekte sowie um die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Fotografie – wo liegen die Grenzen des Mediums und was ist sein spezielles Potenzial im Vergleich zu Malerei und Grafik. Eine innovative Auseinandersetzung mit Landschaft kann heute im Grunde auch nichts anderes sein. In der Fotografie, wie auch allgemein in der Kunst, geht es beim Thema Landschaft schon längst nicht mehr um einseitige Perspektiven wie idealisierten Naturansichten, Darstellungen von Idyllen, touristischen Panoramen oder spektakulären Naturereignissen, sondern um relativierende Positionen. Der Blick auf die Landschaft ist gebrochen, Harmonie und Bedrohung gleichzeitig berücksichtigend, ohne dass dabei vordergründig Kritik geübt wird. Beschäftigung mit Landschaft ist immer auch eine Erforschung des Ursprungs von Leben. Landschaft hat etwas Existentielles, Werden und Vergehen, Leben und Tod sind in ihr eingeschrieben.
Im letzten Jahr gab es hier im Fotoforum zwei Ausstellungen zum Thema Romantik, in denen u.a. auch Landschaftsfotografie bzw. Videos zu sehen waren, die in diese erweiterte Vorstellung von Landschaft passen.
Die hier vorgestellten Künstler setzen sich mit Landschaft als vorgefunden-unveränderter, gestalteter bzw. manipulierter Realität auseinander.
Reinhard Blum aus Wien teilt sich im 3. OG einen Raum mit Joyce Rohrmoser. Er zeigt Lambda-Prints auf Aluminium. Es sind Fotografien von Gärten und Schneelandschaften, die sich in einer Alu-Platte, die Reinhard Blum in die Landschaft hinausgetragen hat, spiegeln. Die Manipulation der jeweiligen Landschaft ist gering, vielleicht das Zurücknehmen eines Zweiges, das Aus- oder Einblenden eines Details… Eine Rolle spielt der Fokus, die Entfernung der Kamera von der Platte, der Einfall des Lichts. Dies ist Beschäftigung mit Landschaft im weitesten Sinn. Das Motiv bleibt im Grunde sekundär bzw. austauschbar. Reinhard Blum beschäftigt sich schon lange, auch in anderen Arbeiten, mit Wahrnehmung und dem Phänomen des Sehens auf der Basis von Reflexionen, mit der Welt zwischen Wirklichkeit und Schein. Die durch die Reflexion zustande kommende Verzerrung, Unschärfe, Seitenumkehrung und Brechung von Licht sowie die Ausschnitthaftigkeit verändert die Wirklichkeit fast bis zur Unkenntlichkeit. In diesem Bildraum gibt es keine Perspektive, kein unten und oben, keinen Maßstab zur Orientierung, keinen dokumentarischen Hinweis auf Raum.
Durch diesen neuen Kontext, in den Landschaft gestellt wird, entstehen Bedeutungs- und Authentizitätsverschiebungen, vieldeutige Interpretationen sind möglich.
Diese Bilder habens nichts Anekdotisches mehr, sie wirken wie abstrakt-malerische Gemälde, impressionistisch, geheimnisvoll-unbegreiflich, schön und poetisch-sinnlich. Dem entspricht der lange Titel der Gartenserie you will find me if you want me in the garden unless it‘s pouring down with rain: wenn du mich sehen möchtest, findest du mich im Garten, es sei denn, es regnet; ein Titel, der die Bilder anscheinend dramatisiert, aber im Grunde eine unspektakuläre, wenngleich auch assoziative Aussage hat.
Alexander Huemer der hier in der Nähe in Eggelsberg sowie in Linz lebt, zeigt im 2. OG. eine Rauminstallation mit Farbfotografien aus der Serie hangon. Auch hier geht es um Landschaft im weitesten Sinne. Ausgangspunkt ist hier der Mensch, aber dennoch werden auch über Landschaft Aussagen getroffen. Alexander Huemer verändert Landschaft vor dem Fotografieren durch performative, gelenkte Eingriffe ins Surreale. Menschen hängen in Bäumen, sie haben ihre Körper nach den Anweisungen des Fotografen-Regisseurs geformt. Durch diese Inszenierung werden die Fotografien ungeheuer narrativ. Huemers künstlerische Bschäftigung ist eine Auseinandersetzung mit Raum und Zeit. Das Abhängen, der Stillstand, die Bewegungslosigkeit der Körper zielen auf das Abschalten des Geistes, des Sich-Hingebens, das Eins-Sein mit der Natur, das Ausklinken aus der Welt für einen kurzen Moment als Entgegnung auf die Hast der Zeit. Das Individuum erlebt das ganz für sich, ist aber auch der Gesamtsituation untergeordnet. Wie bei den Land-art-Künstlern Christo und Jeanne Claude, die durch utopische, verrückte, nutzlos-poetische und ästhetische Phantasiegespinste Landschaften ins Mystische verändern, wird auch bei Huemer eine ganz andere Wahrnehmung von Raum erreicht, die zunächst Verwirrung stiftet, dann aber Anstoß zum Überdenken, zur Neuorientierung gibt.
Joyce Rohrmoser aus Salzburg zeigt ihre Arbeiten im 3. OG. Sie vertritt mit ihrer Fotoserie und dem Video zum Thema Golf im weitesten Sinne eine dokumentarische Position und zwar in dem Sinne, dass dokumentarische Fotografie nie reproduktiv abbildet. Subjektives fließt immer ein – denn um eine bestimmte Aussage zu treffen, werden Ausschnitt, Perspektive, Fokus, Licht und Stimmung in einer bestimmten Weise ausgewählt. Joyce Rohrmoser hat zudem ein ungewöhnliches Landschaftsthema gewählt: Golf, eine Welt mit eigenen Regeln und Ästhetik, viel aussagend aber auch über die Welt im allgemeinen. Als Golfspielerin und Salzburger Landes- und Clubmeisterin 2006 geht sie dabei bewusst die Gratwanderung wechselnder Rollen.
Sie interessieren landschaftliche und gesellschaftliche Aspekte vom Golfsport – der Eingriff in die Natur genauso wie die selbstgefällige Architektur der Clubhäuser, die Kleidungs- und Verhaltens-Codes dieses Sports, der traditionell eng mit der Lebenswelt des Jet Set verbunden ist und in letzter Zeit weltweit einen immensen Aufschwung verzeichnen konnte.
In den Farbfotos der Serie verde artificiale beschäftigt sie sich mit der Ästhetik von Rasen: vom Kunstrasen des Indoor-Golfplatzes eines Autohauses bis hin zu den steril gepflegten, absolut unkrautfrei gespritzten und speziell für den Sport hergerichteten Rasenanlagen. (In einer hier nicht ausgestellten, aber im Katalog gezeigten Schwarz-Weiß-Fotoserie Achtung Golfplatz spricht sie die Problematik an, dass die Golfanlagen zwar vermeintlich naturbezogen sind, tatsächlich aber meist dieselbe zerstört haben bzw. in historisch und industriell belasteten Gebieten angesiedelt sind). Ihr Video Caddy handelt von Golfplätzen in Thailand, wo junge Mädchen Bedienstete und oft auch langjährige Geliebte der Spieler sind – eine bestimmte soziale Gegebenheit, bedingt durch eine spezifische Landschaft.
Karl Weibl aus München zeigt im 1. OG Fotoobjekte aus Gebirgs-Landschaftsfotos, speziell des Apennins (ital. Gebirge südlich der Poebene), die mit polierten Carrara-Marmor-Platten bzw. Granit zu künstlichen Landschaften kombiniert sind. Die Fotografien wurden durch Filterung auf Farbwerte wie eight straw, quarter blue oder full grey farblich verfremdet. Ganz nüchtern geben diese Farbwerte den Objekten den Titel. Auch der Stein ist bearbeitet, sieht selbst wie eine Landschaft aus.
Karl Weibl beschäftigt sich schon sehr lange mit der Untersuchung, mit dem Sichtbarmachen von Zeit. Die Fotografie ist dabei nicht sein einziges Medium. Im Projekt Zeitgeschehen hat er beispielsweise mit Torf gearbeitet – Torf als Sinnbild für abgelagerte Zeit… 1000 Jahre sind nötig, um einen qm Torf zu bilden. Oder das Projekt Vom Ursprung der Zeit mit Fotografien aus dem Irak, der Wiege der Menschheit. Weibls Arbeiten verweisen gerade auf Grund ihrer Überästhetisierung ironisch auf das subjektive menschliche Einteilen von Raum und Zeit in Metern und Sekunden, die so gar nichts zu tun haben mit den universellen Werten. So stehen die Sekundenangaben bei den Fotoarbeiten für die Belichtungszeit, ebenfalls ein ironischer Verweis auf einen fragwürdigen Zeitwert und ein Kontrast zu der langen Zeit, 20 Millionen Jahre, in der der Stein, der im übrigen aus dem fotografierten Gebirge stammt, gewachsen ist. Hier wird das Existentielle von Landschaft thematisiert.

 
 
1) Reinhard Blum, aus der Serie: "you will find me if you want me in the garden unless it's pouring down with rain,
unless it' pouring down with rain", Nr. 11, 2006, Lambda-Print auf Alu, 50 x 75 cm
2) Ausstellungsansicht_Reinhard Blum
3+4) Alexander Huemer, aus der Serie "hangon", C-Print, 100 x 70 cm
5+6) Joyce Rohrmoser, aus der Serie "verde artificiale", Nr. 3 und 1, je 40 x 40 cm
7) Karl Weibl, "eight straw / realzeit 27", 2000, C-Print, Acryl, Granit, 30,5 x 61 cm
8) Raumansicht_Karl Weibl
 
 
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