Terra Cognita II
10.11.–9.12.2007
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Günther und Loredana Selichar, Peter Boerboom und Carola Vogt,
Elisabeth Wörndl
Rede zur Eröffnung, 9.11.2007, Petra Noll

Im Zuge einer neuen Romantiktendenz, die ich im letzten Jahr auch mit zwei Fotoausstellungen zum Thema aufgegriffen habe, hat die Landschaft in letzter Zeit eine neue Aufmerksamkeit erfahren. Dabei  stehen weder die romantisch verklärten, die stimmungsvollen, sinnüberwältigenen, idyllischen, die sogen. „idealen“ Landschaften im Vordergrund, auch nicht die Schilderung spektakulärer, dramatisch-erhabener Naturerscheinungen um ihrer selbst willen. Es geht auch nicht um die üblichen umweltkritischen Positionen und schon gar nicht darum, das Authentische der Fotografie vordergründig zu thematisieren. Landschaft ist vielmehr ein möglicher Anlass, um sich mit der Erforschung von Raum und Zeit sowie mit Fragen der Wahrnehmung, des Sehens und der Wirklichkeitsauffassung zu beschäftigen. Landschaften sind Orte, in die viele Sachverhalte und Emotionen eingeschrieben sind. Landschaft hat etwas Existentielles, im Zyklus der Jahreszeiten entsteht, wächst, reift und stirbt sie ab, um wieder neu zu erwachen. Landschaft sagt etwas aus über die Gesellschaft, über uns, wie wir leben, wie wir leben wollen und wie wir leben sollten.
Das trifft zu für die Landschafts-Serien der beiden Münchner KünstlerInnen Carola Vogt und Peter Boerboom, eine nur in Bezug auf die unverändert – also z.B. ohne verfremdete Ausschnitte, Unschärfen, Pathos oder bedeutungsschwere Begleittitel – fast nüchtern in Schwarz-Weiß wiedergegebenen Orte dokumentarische Position, in Wirklichkeit aber sehr rätselhafte, schwer entschlüsselbare und dadurch auch romantische Bilder. Das Künstlerpaar hat Landschaftssituationen ausgewählt, in die vom Menschen – oft nur minimal und kaum wahrnehmbar – eingegriffen wurde mit architektonischen Konstruktion, deren Funktionen oft auf den ersten Blick unerklärlich bleiben und uns ein Gefühl von Fremdsein in der eigenen Welt vermitteln. Natur an der Schnittstelle zur Kulturlandschaft.
Auch in der Serie „Abenteuerland“ sind die zivilisatorischen Eingriffe in die Landschaft Thema der Künstler. In „wildromantische“ Waldlandschaften wurden Spielplätze eingefügt, die anstelle eines kontemplativen Waldspaziergangs aktionsreiche Abenteuer anbieten, ein Verweis auf eine immer spektakulärer werdende Freizeitkultur. Neben dem inhaltlichen Aspekt spielt auch der formale eine eigenständige Rolle. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind grafische Kompositionen aus Linien und Flächen, wodurch das Thema Landschaft eher in den Hintergrund tritt und den Punkt anspricht, dass Landschaft immer auch eine Konstruktion und Erfindung in der Kunst ist. Die Wahrnehmung der Fotografen ist geprägt durch die langsame Bewegung des Wanderns. Der Mensch ist ausgeblendet, und nur noch die Relikte, die er hinterlassen hat, zeugen von seiner Existenz, dadurch sind die Bilder zeitlich nicht einschätzbar, also zeitlos.
Ganz anders ist der Blick, die Wahrnehmung bei dem Video „Granturismo“ von Günther und Loredana Selichar aus Wien. Der Blick geht geradeaus durch die Windschutzscheibe eines Autos in die Tiefe des Raumes, der links und rechts schnell an uns vorüberzieht. Der Fluchtpunkt am Horizont ist das Ziel. Auch hier ist der Mensch, d.h. der Fahrer nicht sichtbar. Die Landschaft, im übrigen eher unspektakulär, ist nur sekundäres Thema. Primäres Anliegen dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Raum bzw. Zentralperspektive, mit Sehen, mit Schönheit und mit Aspekten der Malerei. Auf die Windschutzscheibe des Autos prallen Insekten und sterben – eine stetig ansteigende Ansammlung zerschmetterter Körper, die den Blick auf die Landschaft immer mehr verdeckt, die Wirklichkeit verändert und ein neues Bild zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion entstehen lässt, das sehr malerisch wirkt, eine konzeptuelle Arbeit mit sehr emotionaler Wirkung. Im Grunde eine unspektakuläre Wirklichkeit, die hier wiedergegeben wird, und dennoch ist sie nicht real, denn was wir hier sehen ist ein arrangierter Zufall: die Insekten prallen nicht wirklich auf die Windschutzscheibe, sondern auf eine separate Glaswand. Es ist also keine Dokumentation im üblichen Sinn, sondern eine Täuschung, eine ironische Simulation des Realen, die eine neue Realität entstehen lässt, eine Auseinandersetzung mit Sein und Schein, mit Bild und Wirklichkeit. Zum Video gibt es Musik aus den 70er Jahren (The passenger), einer Zeit der Welterfahrung durch den Blick durch das Auto bzw. die Autoscheibe.
Elisabeth Wörndl aus Salzburg zeigt ihre Arbeiten im ersten Stock. Es sind fiktive Landschaften, d.h. das Basismaterial sind reale Landschaften, die sie digital verändert. Sie bringt sie in Verbindung mit Fotografien, die – ausgehend von ihrer 1997/98 entstandenen Arbeit „Körperräume“ –immer etwas mt Körper zu tun haben. Sie inszeniert und schafft Landschaften neu. Für die hier ausgestellte Arbeit „Körperzellen Arizona“ fotografierte sie Haare, Körperflüssigkeiten wie Blut und Speichel und Fruchtbarkeitszellen  oder wie in der in Island fotografierten Serie „Circling Brains“ Gehirne (Island). Oder sie verwendet Fotografien aus der medizinischen Wissenschaft wie Röntgenbilder, Computerbilder  usw...Landschaft ist für sie ein Anlass zur Auseinandersetzung mit Identität, einerseits mit der eigenen (Arizonba: wie prägen Gene unsere Identität, Circling Brains: Beziehung Hirn-Bewusstsin), andererseits mit der des Mediums „Fotografie“, in dem sie das Objektive des Mediums mit illusionistischen Irritationen verbindet. Dieses Prinzip verfolgt sie seit ihrer ersten fotografischen Beschäftigung 1991. Landschaft hat für sie etwas ganz Existentielles, die Wüste Arizona symbolisiert den Ursprung des Lebens. Durch die digitale Bearbeitung erschließt sie aber auch neue ästhetische Möglichkeiten im malerischen Bereich.

 
 
1+2) Peter Boerboom und Carola Vogt, aus der Serie "Abenteuerland: Schönau und Weißenbach I", 2006, Barytprints, je 70 x 105 cm
3+4) Günther und Loredana Selichar, "GT Granturismo", 2001, Stills aus Video, 5'10, 16:9 (VKB, Wien 2007)
5+6) Elisabeth Wörndl, aus der Serie "Körperzellen Arizona – Landschaft 2 und 4", 2001, C-Prints auf Aluminium, je 40 x 113 cm

 
 
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