... und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute
15.10.–13.11.2005
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Margret Eicher, Michael Jochum, Toni Wirthmüller
Katalogvorwort, Petra Noll:

Im zweiten Jahr gibt es im Fotoforum Braunau zwei Ausstellungen zum Thema „Körper“. In der Ausstellung „...sagt mehr als 1000 Worte“ im Frühjahr 2005 zeigten Franz Bergmüller, Sabine Dehnel, Andrea Esswein
und Michael Sardelic Fotoarbeiten zum Thema „Körpersprache“. Die zweite Ausstellung 2005 mit dem Titel „... und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ befasst sich mit dem Zustand des mensch- lichen Körpers heute. Dieser wird durch Technologien immaterialisiert,
als Ware entwertet, durch Schönheitsideale, Modetrends, Konsum- und Werbeverlockungen manipuliert, von Medien, Populärkultur und Medizin vereinnahmt und damit auf Distanz zur Natur gebracht, zum künstlichen, abhängigen Objekt degradiert. Aber der scheinbar bereits entwertete, „gestorbene“ Körper leistet Widerstand, und auch die Künstler sind auf der Suche nach Resten von Körperlichkeit und Individualität. Mit unseren physisch spürbaren Empfindungen, mit der täglichen Pflege des Körpers sowie mit dessen aktivem und kommunikativem Einbringen, beispielsweise durch Bewegung und Gestik, können wir dem „Verlust der Körperlichkeit“ entgehen. Tatsächlich steht nicht der Körper, sondern unser Umgang und unser Verhältnis mit ihm zur Debatte. Drei KünstlerInnen bieten Vorschläge zu einer Neubewertung des Körpers im 21. Jahrhundert und beschreiten dabei Grenzbereiche des Mediums Fotografie.
Margret Eicher arbeitet mit Bildmaterial aus Massenmedien, Werbung, Konsum und Kunstgeschichte, das sie digital bearbeitet und als Vorlage
für großformatige, vielfigurige Gobelins und digitale „Gemälde“ verwendet – eine kritisch-ironische Stellungnahme zu den „Abgründen“ unserer Zeit. In den auf Fotobasis hergestellten gewebten Bildteppichen, einem Medi- um, das früher der höfischen Repräsentation diente, verleiht sie den sonst schnell an uns vorbeigleitenden, immateriellen Medienbildern von schönen Körpern eine stoffliche Präsenz. Durch die freie Kombination der Bildvorla- gen entstehen neue Bildrealitäten, die durch bewusste Überinszenierungen absurd wirken. Der Betrachter kann diese Bilder stereotyper Model-Schönheiten und banaler Lifestyle-Szenerien – und damit die Mechanismen der Medien – mit Abstand, d.h. bewusster reflektieren. Es besteht die Möglich- keit einer „Rückbesinnung“ auf den natürlichen Körper, auf den eigenbestimmten, humanen Weg im Gegensatz zu einem von Medien vereinnahmten Dasein. Die digital hergestellten Bilder, die wie Aquarelle anmuten, setzen die Stars der Populärkultur in Szene, „fiktive Prominente“, wie die Künstlerin sie nennt – Helden der Unterhaltungsindustrie, deren „Dasein“ wir ebenso inte- ressiert verfolgen und bewundern wie das Leben „echter“ Prominente. Sie erscheinen hier in einer verfremdeten Weise, „weichgezeichnet“ durch die digitale Aquarelltechnik. Wieder eine Übersetzung, die uns innehalten lässt.
Michael Jochum zeigt Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Serie R.o.T.,
in der er Familienbilder aufs Neue fotografiert hat. Diese Refotografie passierte nicht dokumentarisch, sondern vielmehr fragmentarisch und ausschnitthaft. Bewusst eingebrachte Unschärfen und besondere Beleuchtungen ließen neue Bilder entstehen. Diese „destruktive“ Behandlung des Körpers, ist sie ein Zeichen für sein Ende? Nein, denn vielmehr als das exakte Abbild vermag die Beschränkung auf Details Emotionen auszulösen. Diese malerisch-poetischen Bilder von menschlichen Momenten, wie einem Lächeln, einer rührenden Bewegung oder nackten Kinderfüßen, betonen die Körperlichkeit des Menschen deutlicher als ein realistisches Porträt. Mit den Bildern möchte Jochum weder die eigene Familiengeschichte wieder- beleben noch spezielle Persönlichkeiten hervorheben. Gesichter sind zwar zum Teil identifizierbar, bleiben aber anonym, weil wir sie nicht kennen. Wir nehmen teil an ihrem Leben, ohne auf etwas Bestimmtes fixiert zu werden. Viele Geschichten und Assoziationen sind möglich. Durch die veränderte Fotografie von nicht mehr bzw. nicht mehr in dieser Form existierenden, sozusagen „verlorenen“ Körpern werden allgemeingültige Fragen gestellt nach Identität, Individualität und Erinnerung.
Toni Wirthmüller präsentiert eine raumfüllende Installation, die sich mit der Macht des Konsums über den menschlichen Körper auseinandersetzt. Hierbei erhält die Plastiktüte, ansonsten nur Transportmittel für Einkaufs- ware, eine neue Bestimmung. Großflächig zusammengenäht, wird sie zum Bildträger für Fotos von Alltagsmotiven, Körperteilen und Selbstporträts. Außerdem verdeckt sie, aus mehreren Exemplaren einen Mantel bildend, eine menschengroße, dreidimensionale Figur mit dem bezeichnenden Titel „No_Body“. Bei diesem Objekt und in der Fotoserie „Under_Cover“ ist sie über den Kopf des Künstlers gestülpt. Dadurch wird die Identifikation unmöglich: der Konsum dominiert die Person. Eine größere Fläche und ein Banner aus Plastiktüten des BILLA-Supermarkts weisen demonstrativ auf unsere Manipulierbarkeit und Abhängigkeit von den Angeboten und Ver- lockungen der Konsumindustrie. Aber es gibt auch Hoffnung: die fragmentarischen, ausschnitthaften und unscharfen Bilder von Körperteilen, die in Toni Wirthmüllers Installationen immer eingestreut sind, weisen einerseits auf die Zerrissenheit, aber ande- rerseits auch auf die Sinnlichkeit und Schönheit des menschlichen Körpers, der dadurch wieder ganz gegenwärtig wird.

 
 
1) Margret Eicher, "Einschiffung nach Kythera", 2004, Digitalmontage, Gewebe, 210 x 380 cm
2) Margret Eicher, aus der Serie "Aquaworld", 2005, digitales Aquarell (Portrait), 40 x 40 cm
3+4) Michael Jochumaus der Serie R. o. T. – Archive des subjektiven Erinnerns", SW-Fotografie,
Silbergelatine, Seleniumtonung, je 60 x 40 cm
5+6) Toni Wirthmüller, "Under_Cover_02", 2004, C-Prints, je 20 x 30 cm