Was geht ab I?
16.3.–15.4.2012
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
KünstlerInnen: Iris Andraschek, Paul Kranzler, Sofya Tatarinova
Katalogtext, Petra Noll:

In den beiden Aussstellungen 2012 im Fotoforum Braunau geht es um das Thema „Jugend“. „Was geht ab?“ Was sind die Möglichkeiten, was die Bedingungen für junge Menschen, um den Anforderungen der heutigen Zeit und der Zukunft gewachsen zu sein? Wie kann die Balance gehalten werden zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen und den eigenen Glücksvorstellungen bzw. Lebensentwürfen? Die Situation der heutigen Jugend ist – analog zur allgemeinen Lage der Gesellschaft, die mehr denn je geprägt ist von sozialer, politischer, ökonomischer und ökologischer Unstabilität und daraus resultierender Unsicherheit – eine prekäre. Die Schwelle zum Erwachsensein ist zudem grundsätzlich bestimmt von körperlicher und geistiger Undefiniertheit, Zweifel, Angst sowie Rat- und Perspektivlosigkeit, andererseits aber auch von Rebellion, Freiheitsgefühl, Unbeschwertheit, Selbstbewusstsein und dem Gefühl „alles ist möglich“. Dieser Schwebezustand führt einerseits oft zu extremer Abgrenzung (von den Erwachsenen und deren Werten), auf der anderen Seite zu einer verstärkten Suche nach Geborgenheit und Halt in Freundschaften und Familie, Musik, Drogen und häufig auch in sehr traditionellen Lebensentwürfen. Die Künstlerinnen und Künstler der beiden Ausstellungen thematisieren in ihren Foto- und Videoarbeiten dieses Gespaltensein und die Widersprüchlichkeit, die den Weg zur eigenen Persönlichkeit prägen.
Iris Andraschek zeigt eine Auswahl von Arbeiten aus ihrem Fotoprojekt Träume werden massiv, das sie 2010 mit unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen in leer stehenden Geschäftslokalen und in den Hallen der Firmen„Kastner & Öhler“und „Leiner“ in Judenburg/Steiermark realisiert hat. Diese Orte kennen die Jugendlichen meist nur noch in ihrer Verlassenheit, da in Judenburg, wie in zahlreichen Städten, die Einkaufs- und Freizeitzentren in die Peripherie verlagert wurden. Die Jugendlichen wurden von Iris Andraschek dazu animiert, diese (halb)öffentlichen Räume kurzfristig zu beleben. Sie waren gefragt, sich gegenüber der Architektur mit ihrem besonderen Ambiente, in dem die Zeichen der ehemaligen Konsum- und Werbewelt nur noch fragmentarisch in Form von übriggebliebenen Plakaten, Preisschildern, Slogans (wie „Träume werden massiv“) und nackten Schaufensterpuppen vorhanden sind, zu positionieren. An der großen Energie und Neugierde, mit denen die Jugendlichen diese Räume in Beschlag nahmen, war ihr Bedürfnis nach Orten ablesbar, die für sie offen standen, in denen sie eine Rolle spielen konnten. Die Choreographie der Aktionen haben die Jugendlichen selbst entwickelt, fotografiert hat Iris Andraschek. Entstanden sind Fotografien, die viel aussagen über Kultur, Wunschträume, Modevorstellungen, Verhalten, Freundschaft und Selbstverständnis der Jugendlichen. Ihre selbstgewählten Posen und speziell auch die Haltung ihrer Hände definieren einen Zwischenzustand von frech-lässigem Selbstbewusstsein und schüchternem Rückzug. Die Fotos wurden in Leuchtkästen im öffentlichen Raum in Judenburg präsentiert; zusätzlich entstand eine Postkartenserie mit einer Auswahl der Fotografien. In Braunau werden sie erstmals gerahmt in einer Ausstellungssituation gezeigt.
Von Paul Kranzler sind Arbeiten aus der Fotoserie New Crew zu sehen, eine Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen vereinheitlichenden Globalisierungstrends und individueller Identitätssuche. Der erste Teil der Fotoserie ist im Jahr 2007 auf dem Land in Oberösterreich entstanden. Es sind Porträts von Jugendlichen bei der Selbstdarstellung, beim sogenannten „Posen“. Die Modelle bezeichnen sich als Mitglieder der „New Crew“, die das gesamte Dorf vereinnahmen. Neben diesen Aufnahmen gibt es Porträts und Ansichten aus England und den USA, wo ähnliche Jugendgruppen leben, „posen“ und sich Raum aneignen. „New Crew“ bedeutet gewissermaßen „neue Generation“, denn die Burschen und Mädchen sind für Paul Kranzler die „Neue Besatzung der Erde“. Der Ort der Aufnahme scheint auswechselbar zu sein, die Globalisierung hat auch die Jugendkultur für sich vereinnahmt; auf dem Land und in der Stadt bedient man sich weltweit derselben, von Werbung und Konsumindustrie geprägten Stilmittel zur Darstellung – und doch finden sich in den Fotografien in Gestik, Mimik und Haltung Anzeichen von Unsicherheiten, die davon sprechen, dass die Suche nach der eigenen Identität über die Adaption von Mustern hinausführt.
Sofya Tatarinova zeigt eine Auswahl von Arbeiten aus der 2011 entstandenen Fotoserie Hanging at poise (im Schwebezustand sein). Für diese Serie hat sie Jugendliche einzeln oder paarweise in der Natur – auf Bäumen oder auf dem Boden liegend – inszeniert. Deren zum Teil abgewandte oder zusammengesunkene Haltungen sowie die nachdenkliche Mimik sprechen von der schwierigen Situation zwischen Jugend und Erwachsensein. Die Jugendlichen scheinen auf etwas Ungewisses zu warten. Insbesondere die Inszenierungen oben auf den Bäumen, „zwischen Himmel und Erde“ unterstreichen diesen Balanceakt. Die Jugendlichen haben sich hierher zurückgezogen, einem für diese Altersgruppe ungewöhnlichen Ort (es sind eher Kinder, die auf Bäume klettern und dort ihre „geheimen“ Plätze einrichten). Der Baum bietet Schutz, gewährt aber keine stabile Position. Hier sind sie ihren Gedanken ausgesetzt: Unsicherheit, Ängste und Zögern vermischen sich mit einem „hoch hinaus Wollen“, einem erwartungsvollen Hoffen auf Freiheit und eine positive Zukunft. Andere Jugendliche hat Sofya Tatarinova auf dem Boden liegend inszeniert. Schutzlos liegen sie in der Landschaft; dies definiert ihre Ängste vor dem bevorstehenden Schritt in ein selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft voller Herausforderungen.

 
 
1) Iris Andraschek, aus: Träume werden massiv, 2010/2011, C-Print
2) Iris Andraschek, aus: Träume werden massiv, 2010/2011, C-Print
3) Paul Kranzler, aus: New Crew (2007–2008), Jürgen, Pettenbach, 2007, 110 x 110 cm
4) Paul Kranzler, aus: New Crew (2007–2008), Tweedy, Florentine Gardens, 2008, 110 x 140 cm
5) Sofya Tatarinova, aus: Hanging at poise, 2011, C-Print, 60 x 60 cm
6) Sofya Tatarinova, aus: Hanging at poise, 2011, C-Print, 60 x 60 cm
 
 
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