Werner Schrödl - It's there for a reason
Kunsthalle Nexus, Saalfelden
11.10.–15.11.2014
Vernissagenrede am 10.10.2014, Petra Noll:
In der für die Kunsthalle Nexus konzipierten Ausstellung zeigt Werner Schrödl neue Foto- und Videoarbeiten. Bereits in seinen früheren Arbeiten hat er mit großem Einfallsreichtum, schrägem Humor und spielerischer Leichtigkeit rätselhafte Räume, absurde und surreale Szenarien sowie seltsame Veränderungen unserer Umwelt, die man sich auf den ersten Blick nicht erklären kann, entworfen. Er spielt ein Spiel mit der Wirklichkeit, deren Begrifflichkeit mehr als überstrapaziert ist und bietet durch seine spannenden, ins Staunen versetzenden Bildkonstellationen neue Möglichkeiten an, die Welt in einem anderen Licht zu sehen sowie neben Verstand auch Poesie, Traum und Fantasie miteinzubeziehen.
Die Foto- und Videoarbeiten entstehen nicht am Computer, sondern auf der Basis von konzeptuell entwickelten, teilweise aufwändigen Aktionen und Interventionen, die er auch mit eigenem Körpereinsatz absolviert. Diese werden mit unkonventionellen, aber für die Betrachter im Verborgenen bleibenden technischen und mechanischen Mitteln oder physischen Handlungen an sorgfältig ausgewählten Orten durchgeführt. Immer entwirft er flüchtige Situationen, die er, bevor sie im nächsten Moment wieder Vergangenheit sind, in Foto oder Film fixiert – alles das, um uns vor Augen zu führen, dass in dieser Welt und in unserer Wahrnehmung nichts stabil, nichts gewiss, nichts von Dauer ist. Die geschaffenen Konstellationen versteht er als temporäre skulpturale Arrangements. In der Vergangenheit sind auf der Basis von Aktionen Arbeiten entstanden wie beispielsweise eine seltsam anmutende Baumverlängerung, eine glühende Eisenhütte, ein merkwürdiger grüner Nebel im Stadtraum, ein brennendes Schaufenster, ein von einem Balkon fließender Wasserfall oder eine Serie mit dem skurrilen Konzept „Neun Wege, um ins Wasser zu gelangen“. Angeboten werden hier so ungewöhnliche Lösungen wie zum Beispiel, sich an Dutzende Luftballons zu hängen und diese dann abschießen zu lassen oder eine Segelstange zu erklimmen und das Boot zum Kentern zu bringen.
Auch diese Ausstellung spielt mit der Rätselhaftigkeit. Und dennoch verrät uns der Ausstellungstitel: Für alles gibt es einen Grund. Nichts ist unmöglich. Auf jeden Gegenstand, auf jede Wirklichkeit gibt es viele Perspektiven. Hier ist es das Licht, das für neue Blickwinkel sorgt; das Licht, das nicht nur Leben bedeutet, sondern auch wichtiges Element unserer Realitätseinschätzung und Wahrnehmung ist; das Licht, das maßgeblich für Sichtbarkeit und Sehen und damit für Erkennen, Orientierung und Schutz ist; das Licht, das auch seinen Gegenpol, den Schatten und damit Verdunkelung schafft; das Licht, das ebenso blenden, stören wie auch enttarnen kann. Das Licht, das das Medium Fotografie definiert.
Lichtentzug löst Urängste aus. Hell und Dunkel markieren eine Grenze, die uns ebenso lockt wie erschreckt. Der Gang in den Keller, der Stromausfall, der Sonnenuntergang, die Sonnenfinsternis… „Die im Dunkeln sieht man nicht“ – Berthold Brechts soziales Statement hat Schrödl gewissermaßen in eine wahrnehmungstechnisches Spiel umgemünzt. Er agiert als Erleuchter, gewissermaßen als Prometheus, Gott des Lichtes, und hat in dieser Funktion Menschen, Landschaften, Architekturen mit Licht in kurzlebigen Interventionen punktuell aus dem Dunkel der Nacht geholt, in das sie – nach der Fixierung in Foto oder Film – wieder zurückfallen. „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Ohne den Künstler sieht man nichts. Die Erhellung nur für einen ganz kurzen Moment… Der berühmte Satz von Paul Cézanne von 1906 fällt ein: „Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“. Licht als Metapher für Erkenntnis: Diese Lichtregie transformiert die Wirklichkeit und eröffnet somit eine neue Sichtweise auf die umgebende Welt.
Alltägliche Dinge und Situationen, die am Tag selbstverständlich erscheinen, bekommen durch die Aus- und Durchleuchtung und damit Heraushebung aus dem Dunkel der Nacht die Aura des Besonderen mit einer unmittelbaren Wirkung auf den Betrachter, die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt.
In dem großen „Raum im Raum“ wird ein Film gezeigt, bestehend aus zahlreichen kurzen Sequenzen. Es handelt sich vorwiegend um Landschafts- aber auch um architektonische Situationen. Hier fallen sofort das flackernde Licht und die geheimnisvollen Licht- Schatten-Konstellationen auf, deren Zustandekommen und Ursprung wir uns nicht erklären können, da die Lichtquelle nicht erkennbar ist. Urgefühle des Unheimlichen und Bedrohlichen stellen sich ein. Das wird dadurch gesteigert, dass es sich oft um Orte handelt, an denen vorher gerade etwas Schreckliches hätte passiert sein können. Die Protagonisten sind schon verschwunden. Die Bilder lassen an das mystisch-surreale Universum des David Lynch denken. Trotz dieses Untertons handelt es sich gleichzeitig auch um sehr atmosphärische, malerische, poetische Situationen.
Die verwendeten Leuchtkörper seien an dieser Stelle verraten. Es handelt sich um Signalraketen, wie sie bei der Polizei und beim Militär zum Einsatz kommen. Die Patronen werden mit einer Signalpistole auf ungefähr 180 Meter hochgeschossen und fallen danach auf den Boden.
Der in die Ausstellung integrierte Raum, in dem der Film gezeigt wird, versteht sich nicht nur als Projektionsraum. In seiner Struktur zeichnet er den Verlauf der Beamerstrahlen nach. Er ist wie ein Kino angelegt (und dazu ist es noch ein Kino im Kino, denn der Ausstellungs war einmal als Kino gedacht). Es ist dunkel im Kinoraum, es gibt eine Lichtquelle und aus dieser entsteht eine Geschichte, entstehen viele Geschichten.
Bei dem zweiten Film handelt es sich um einen Porträtfilm, getitelt „40,000 Candela“. Dies bezeichnet die Lichtstärke der Signalraketen, die 40000 Kerzen entspricht. Die hier porträtierten Personen werden in einem flatscreen mit Eichenrahmen präsentiert, bewusst klassische Gemälde zitierend. Auch sie wurden mit Signalraketen aus dem Dunkel der Nacht geholt; es versteht sich von selbst, dass diese Aktion im Freien durchgeführt werden musste. Man denkt an die Nachtgestalten in dem Film „Nosferatu“ – subversiver Humor inklusive.
In den beiden Filmen wird die Unsicherheit zudem durch den Verzicht auf Sound bestärkt, es herrscht bedrohliche Stille. Orientierungslosigkeit stellt sich auch dadurch ein, dass die Filme wie Fotos behandelt werden. Nichts bewegt sich außer den Schatten; nur diese verweisen auf einen zeitlichen Ablauf. Die Menschen im Porträtfilm sind Statisten, sie sind präsent, aber agieren nicht, zucken kaum mit der Wimper, sind der Situation ausgesetzt. Die Konzentration liegt auf dem Blick und den darüber gleitenden Schatten, die sie gleichzeitig verdecken und enthüllen. Wieder wird bei diesen außergewöhnlichen, geheimnisvollen Porträts die Frage nach Wahrnehmung und Wirklichkeit gestellt.
Nicht nur Personen, Landschaften und Architekturen wurden aus dem Dunkel der Nacht geholt, sondern auch Leuchtkörper wie in den hier gezeigten Leuchtturm-Fotografien – getitelt mit den jeweiligen Angaben ihrer geografischen Position. Ein Leuchtturm gibt nachts Lichtsignale zur Orientierung für die Seeleute ab, sein Körper verschwindet dabei in der Dunkelheit. Schrödl hat dies umgedreht, indem er Leuchttürme mit einer sehr starken Taschenlampe erhellt hat, sie dadurch für einen kurzen Moment ihres Sinnes als Wegweiser entledigt und den Corpus als Objekt hervorholt hat. Durch die Beleuchtung stehen sie noch stärker in einem unbestimmbaren Raum, im extremen Dunkel, im Nichts, wodurch das Skulpturale noch mehr hervortritt. Dies gilt auch für die Antennen-Bilder. Die Antenne steht für die Abstrahlung und den Empfang elektromagnetischer Wellen zur Übertragung von drahtlosen Nach- richten. Die Titel beziehen sich auf die in Kilo- und Megaherz gemessenen Frequenzen. Indem sie dem ungewöhnlichen Prozess der Beleuchtung ausgesetzt sind, wird ihre Funktion ignoriert und das Grafische ihrer unterschiedlichen Formen betont.
 
 
1) snooky, 2014, C-Print, 
47×66 cm, 

2) 140 dB, 2014, C-Print, 
55,5 × 71,5 cm

3) 51° 34’ 00.6“ N, 3° 58’ 16.0“ W, 2014, C-Print, 89 x 132 cm
4) 5945 khz, 2014, C-Print, 
215 × 150 cm
5) 21.850 kHz, 2014, C-Print, 103 x 73 cm
6) 40,000 Candela (Places), 2014, Video-Projektion
7) 40,000 Candela (Heads), 2014, Video, LCD-Screen, 111 x 66 x 8 cm
8) 51° 29’ 05“ N, 2° 47’59“ W, 2014, C-Print, 132 x 89 cm
9–16) Raumansichten
 
 
  • 1_snooky
  • 2_140 dB

  • 3_51°
  • 4_5945 KHz

  • 5_21.850 kHz
  • 6_video

  • 7_schroedl
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