RENS VELTMAN – BIPEDS
Kunsthalle Nexus, Saalfelden
14.2. - 28.3.2015
Vernissagenrede am 13.2.2015, Petra Noll:

Rens Veltman kommt aus Schwaz in Tirol. Er arbeitet medienübergreifend in den Bereichen Grafik, Malerei, elektronische Kunst, Soundinstallation und Robotik. Seine Ausbildung in den 1970er-Jahren war zunächst klassisch geprägt, er studierte Bildhauerei, Gra-fik und Bühnenbild in Wien, Salzburg und Linz. Parallel dazu war er schon früh interessiert an technischen Prozessen und Phänomen und deren Tauglichkeit für die Kunst sowie an der Beschäftigung mit kunsttheoretischen Fragen. Mitte der 1990er-Jahre konstruierte er aus mechanischen und elektronischen Materialien seinen ersten Roboter. Im Laufe der Zeit brachte er die Maschinen dazu, immer komplexere Aufgaben zu erfüllen – grundsätzlich in der Absicht, dies ausschließlich für die Kunst zu nutzen. Er greift dazu tief in das Innere von Computern ein, füttert sie mit spezifischen Algorithmen, die seine Denkprozesse umsetzen, d.h. beispielsweise Zeichnungen produzieren können.

Diese Ausstellung besteht aus Kunstwerken, die während der Ausstellung einem Veränderungsprozess unterworfen sind und am Ende zerstört werden. Der Titel der Ausstellung ist BIPEDS/Zweifüßler von lateinisch zwei und Fuß. BIPEDS bezieht sich auf die Gesamtinstallation, die aus analogen sowie aus digitalen Werken besteht. Das sind zum einen programmierte Computerzeichnungen, ausgeführt von bipedalen, selbstgebauten Robotern an der Hauptwand, sowie aus von Veltman gemalten Wandarbeiten.
Die bipedalen Roboter auf der Hauptwand wurden schon weit vor der Eröffnung aktiviert. Die soundbetriebenen Maschinen zeichnen mit verschiedenen Stiften auf dem Kopf stehende Einser, die in der Umkehrung aussehen wie laufende Füße, also auch wieder bipeds. Die Installation wirkt wie eine Animation und erinnert an Eadweard Muybridges (brit.,1830–1904) Studien des menschlichen und tierischen Bewegungsablaufs. Die Eins und die Null sind die Binärcodes, d.h. die Grundlage für die Verarbeitung digitaler Informationen, aus denen sich alle weiteren Konstellationen konstruieren lassen. Die Roboter zeichnen während der Dauer der Ausstellung an vordefinierten Punkten auf den Wänden; ihre Positionen werden während öfter verändert. Die in Klein-Gruppen angeordneten Roboter bewegen sich synchron und erzeugen zeitgleich ihr eigenes Duplikat.
Auf der gegenüberliegenden Wand ist ein weiterer, an zwei Zahnriemen an einem hohen Gestell befestigter, ebenfalls computergesteuerter Roboter aktiv. Er wird durch einen Schrittmotor angetrieben, der einen eigenen Sound abgibt. Seine Aufgabe ist es, Nullen mit verschiedenfarbigen Tuschestiften zu zeichnen, wobei er darauf programmiert sind, den kürzesten Weg von A nach B zurückzulegen. Gezeichnet werden Computer-Nullen, die in der Mitte einen Punkt als Kennzeichnung haben, der sie von dem Buchstaben O unterscheidbar macht. Veltman reduziert diesen Roboter auf die Null und stellt damit die Frage nach seiner Kompetenz. Ist der Roboter nur ausführender Gehilfe, Zwangsarbeiter – dies bedeutet auch das slawische Wort „robota“. Ist er eine kreative Null?

Roboter in der Kunst einzusetzen bedeutet, an der letzten Domäne des Menschen zu rütteln: der Fähigkeit zur Kreativität. Veltman untersucht das Verhältnis von manueller und technologischer Bildproduktion, setzt Mensch und Maschine in eine Konkurrenz-Situation. Wer ist der Schöpfer? Was ist die künstlerische Handschrift wert? Was ist Kopie, was Original? Kann der Roboter besser zeichnen? Tatsächlich bleibt es bei einem Scheinge-fecht. Der Künstler als Operateur handelt souverän, er steuert, entscheidet, überwacht, ersetzt die Tusche der Roboter, korrigiert per Smartphone die Position. Und doch gibt es auch Eigenständigkeiten des Roboters: Zufälle, bedingt durch Schwingungen und Mater-ialbeschaffenheit der Wand, lassen ihn von dem vom Künstler vorbestimmten Weg leicht abwandern. Und außerdem: so präzise können diese Zeichnungen von Menschen nur un-ter äußerster Anstrengung ausgeführt werden. Und: er produziert etwas Menschliches, was die gestische Zeichensprache betrifft. Sind diese Wesen etwa doch mehr als Erfüll-ungsgehilfen?
Grundsätzlich geht es heute um mehr, als nur einen Roboter zu bauen, der malen und zeichnen kann. Wenngleich Veltman die Technik auch fasziniert, ist sie dennoch primär Mittel zum Zweck. In erster Linie interessieren ihn die kognitiven Prozesse wie beispiels-weise die Auseinandersetzung mit Fragestellungen zum Verhältnis von Mensch und Maschine, Körper und Technologie: Computer bestimmen unser Leben. Die Beziehung des Menschen zur Maschine ist eine gebrochene. Einerseits erweitern Maschinen die Möglichkeiten der Menschen. Sie sind zudem Ausdruck unserer immerwährenden Sehnsucht nach Innovation und dem Wunsch, Phänomene mit Hilfe der Zahl und ihrer Gesetze berechenbar zu machen. Gleichzeitig wirft ihr Gebrauch ethische Fragestellungen auf. Die Maschine, die den Menschen vereinnahmt, abhängig macht, ersetzt; die Maschine, die eines Tages dem Menschen überlegen sein könnte.
Zudem eröffnen Veltmans Arbeiten Auseinandersetzungen mit Raum, Wahrnehmung und mit dem Sein und den Grundbedingungen des Lebens. Den Nexus-Ausstellungsraum hat er, als er ihn zum ersten Mal betrat, als Höhle empfunden, als von der Außenwelt abgegrenzter Bereich, ideal als Hülle für ein neues Raumkonzept mit Arbeiten, die um eben diese Themenfelder kreisen.
Neben den computergesteuerten, auf reiner Ratio entstandenen Roboterzeichnungen sind Wandgemälde entstanden – zum einen das große, gespachtelte Schokoladenbild, das aufgrund der Sinnlichkeit des dick aufgetragenen Material und der freien Gestik den Künstler als den einzig Kreativen ausweist. Seit der Eat Art der 1960er-Jahre ist Schokolade neben zahlreichen anderen Lebensmitteln als Material in die Kunst eingegangen, wobei es damals vor allem darum ging, tradierte Malmittel in Frage zu stellen. Das Interessante an der Verwendung von Schokolade in der Kunst ist die Tatsache, dass sie einerseits Lust, Verführung und Genuss verspricht, andererseits auch Vergänglichkeit und Verfall inkludiert. So ist auch das Bild von Veltman dem Prozess der Veränderung unterworfen (die Schokolade hat sich unterschiedlich verfärbt) und spricht damit Fragen des Seins an. Die verzogene runde Form mit ihrer unruhigen, lebendigen Oberfläche hat etwas Existentielles, ist ebenso bedrohlich wie wunderschön, wirkt verloren und zugleich leicht schwebend auf der riesigen weißen Fläche. Ist es ein Meteorit, die Erde oder der Mond?
Bei der zweiten Wandmalerei, einem 3,60 x 3,60 Meter großen Quadrat handelt es sich um eine mehrschichtige Ölmalerei. Unwillkürlich denkt man an das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch von 1915, seine von jeder Gegenständlichkeit befreite Kunst der reinen Empfindung. Und man kann auch Veltmans Quadrat mit rein sinnlichem Zugang begegnen. Nur hat er hier „eben einmal“ diese Ikone der Kunstgeschichte in einen neuen, zeitgenössischen Kontext gestellt. Veltmans Quadrat basiert – wie kann es anders sein bei einem Computerkünstler – auf der Herauslösung eines Pixels, eines digitalen Bildpunktes, und dessen ins Überdimensionale vergrößerte Übertragung in Malerei. Immer geht es Veltman um die Hinterfragung künstlerischer Ausdrucksformen und die Auseinandersetzung mit Wahrnehmung. Veltman macht neue, überraschende Lösungsvorschläge, um tradierte Sehweisen in Frage zu stellen.
So hat er den Ausstellungsraum völlig verändert zu einem persönlichen Kosmos mit ganz eigener Ordnung. Theatralisch inszeniert und dennoch aufs Äußerste reduziert, öffnen sich zahlreiche Bezüge. Es ist ein poetischer, sinnlicher, emotionaler Raum geworden, auch wenn er zum Teil aus Rechenprozessen kreiert wurde. Der Besucher kann riechen, hören, schauen und denken. Und vor allem – die Ausstellung ist ein work in progress, in der sich bis zum letzten Ausstellungstag alles dauernd verändert.

Biografie Rens Veltman. Geboren 1952 in Schwaz/ AT, lebt und arbeitet dort. Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, an der Hochschule Mozarteum Salzburg und an der Hochschule für industrielle Gestaltung in Linz. 2012 Beteiligung am Österreich-Beitrag zur Architektur-Biennale in Venedig. 2011 Tiroler Landespreis für zeitgenössische Kunst. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, zuletzt u.a.: 2014 Connecting Sound Etc. Cable Works, Cable Sounds, Cable Everywhere, Freiraum / quartier21, Wien.
 
 
 
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