ALFRED HRDLICKA – DRUCKGRAFIK
Galerie im Stadtmuseum Neuötting
Ludwigstr. 12, 84524 Neuötting/DE, T +49 8671-8837113
museum[at]neuoetting.de
11.11.2006–7.1.2007
Vernissagenrede am 10.11.2006, Petra Noll:

Diese Ausstellung zeigt eine repräsentative Auswahl des druckgrafischen Werks vom Ende der 50er bis zum Anfang der 90er Jahre, ergänzt durch einige Zeichnungen, Bronzeplastiken, Künstlermappen und Bücher.
Hrdlicka ist eine der renommiertesten und zugleich umstrittensten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit: Bildhauer, Zeichner, Grafike, Schriftsteller und ehemaliger Akademieprofessor, in Wien geboren und Zeit seines Lebens mit dieser Stadt verbunden, der Enfant-terrible-Künstler Österreichs. Nach einem Malerei-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien folgte in den 50er Jahren ein Studium der Bildhauerei bei Fritz Wotruba. Es war die Zeit, in der gegenständliche Kunst mit Argwohn betrachtet und abstrakte, unpolitische Kunst im Westen als Symbol für Freiheit galt. Man wollte sich deutlich von den ideologisch ausgerichteten, staatskonformen Menschendarstellungen des III. Reichs und des Sozialistischen Realismus Osteuropas absetzen. Erst Anfang der 60er Jahre setzte im Westen langsam eine Abwendung vom lange vorherrschenden abstrakten Informel bzw. Tachismus ein. Die Gleichsetzung von Figuration mit Rückschrittlichkeit begann sich aufzulösen. Es entwickelten sich neue Ansätze des Figurativen in unterschiedlichster Ausprägung: z. B. in den USA  mit der Pop Art, in Westdeutschland mit dem sozialkritischen „Neuen Realismus“, in Österreich u.a. mit dem phantastischen Realismus, mit Einzelgängern wie Rainer oder Lassnig sowie mit der expressiven Gegenständlichkeit von Hrdlicka oder Eisler. Fast von Anfang an war Hrdlicka ein figurativ arbeitender Künstler,  zunächst musste er sich aber bei seinem abstrakt arbeitenden Lehrer Wotruba mit reinen Formproblemen herumschlagen. Hrdlicka: „Tagsüber arbeiteten wir an Kreisen und Kuben. Abends rannten wir in Gary Cooper-Filme. Wo hat man je gesehen, dass zwei Kuben aufeinander schießen?“ Wie schnell er sich aber dann mit seiner gegenständlichen Kunst international durchsetzte, sieht man daran, dass er bereits 1964 sein Heimatland auf der Biennale in Venedig vertrat. Danach begann seine internationale Ausstellungskarriere, die bis heute andauert.
Hrdlicka ist in erster Linie als Stein-und Bronze-Bildhauer bekannt. Zeit seines Lebens hat er die monumentalen Steine selbst behauen und sich damit die Bandscheiben ruiniert. Aber das Körperliche Tun war für ihn elementar wichtig. Er schuf auch Mahnmäler gegen den Faschismus, u.a. in Wien und Hamburg, jeweils begleitet von heftigen Auseinandersetzungen mit dem unbequemen Künstler. Zu für ihn wichtigen Themen fertigte Hrdlicka immer Skulpturen und Grafiken/Zeichnungen an.
Seine grafischen Arbeiten, zu über 90 % Radierungen, stehen gleichberechtigt neben seinem bildhauerischen Werk; die ersten entstanden bereits während seines Studiums 1947. Die variantenreichen radiertechnischen Verfahren sind in der Ausstellung beschrieben.
Hrdlicka arbeitet in erster Linie in Zyklen bzw. in offenen Serien, aber es entstehen auch Einzelblätter. Oft hat er begleitende Texte zu den Arbeiten geschrieben, offen, direkt, aber ohne moralischen Anspruch. Sein Thema ist der Mensch bzw. dessen komplexe körperlich-seelische Zustände („Alle Kunst geht vom Fleisch aus“). Außenseiter, Triebtäter, Perverse, Lüstlinge, Prostituierte, Mörder, Folterer, Psychopathen bevölkern seine Blätter, agieren exzessiv, aggressiv, bestialisch. Ihn interessieren die Menschen nicht als Individuen, sondern ihn fasziniert und erstaunt die immense Energie, die der Mensch in Extremsituationen wie Macht, Leidenschaft, Schmerz, Leid, Gewalt und sexueller Lust entwickelt, und wie nah Lust und Gewalt, Wahn und Normalität beeinander liegen. Damit ist es nicht weit zur Psychiatrie bzw. Psychopathologie, einem Hauptthema des Künstlers. Für den Zyklus „Randolectil“ hat er lange in einer Nervenheilanstalt gelebt, aber auch viele andere Zyklen wie „Hamlet“, „Haarmann“, „Hölderlin“ oder „Martha Beck“, sowie Bilder zu religiösen Themen, sind Auseinandersetzungen mit Personen am Rande des Irrsinns.
Hrdlicka findet seine Geschichten, an denen er diese Problematik künstlerisch durcharbeitet, überall: in der Kunstgeschichte, Geschichte, Literatur, Musik, Mythologie, genauso wie in der Bibel, in der Polizeiakte und auf der Straße sowie in seinem eigenen Leben, entsprechend der Menge des Stoffes, den die menschlichen Verhältnisse ausmachen. Er beobachtet die Menschen bzw. was Menschen Menschen antun und wie sich dieses Tun körperlich ausdrückt. Einer der stärksten Triebe des Menschen ist die Sexualität, die in großer Bandbreite und in oft Stürme der Entrüstung auslösender Freizügigkeit von Hrdlicka dargestellt wird – sogar im Rahmen der Illustrierung biblischer Geschichten. Hierbei interessiert ihn vor allem die Macht, die der sexuelle Trieb über den Menschen auslösen kann, bis hin zu Lustmord und Selbstkastrierung. Der Künstler besteht grundlätzlich auf der schonungslosen Wahrheit, weil sich nur hier der Mensch ganz elementar zeigt.  
Kunst muss Zeuge ihrer Zeit sein, denkt Hrdlicka, nicht eine Auseinandersetzung mit Form. Hrdlicka ist ein politischer Mensch, der sich einmischt, nicht nur in der Kunst, sondern auch in das aktuelle Zeitgeschehen. Er ist zutiefst humanistisch orientiert, ein Polemiker gegen Unrecht in jeder Form, einer, dem es daran gelegen ist, Machtverhältnisse offenzulegen, vor allem, weil seine Kindheit in einer trostlosen Arbeitslosensiedlung in Wien durch Krieg, Gewalt und Verhaftung seines kommunistischen Vaters geprägt war. Er wettert gegen den Kunstbetrieb, gegen die Machthaber, die Politiker. Er ist dabei nicht zimperlich, eckt an, kämpft unkonvenionell, ist selbst ein barocker Mensch, voller Leidenschaft für das Leben.
Seine Figuren sind nicht naturalistisch dargestellt gemäß des auf Detailtreue setzenden kunsthistorischen Stils, sondern vielmehr in dem Sinn, dass sie die Wahrnehmung der Natur durch den Künstler wiedergeben. Wie seine Skulpturen, so sind auch die Figuren auf den Blättern massig, expressionistisch-barock, lebensnah, nie schön im klassischen Sinn, sondern fragmentarisiert, jäh verkürzt, verdreht, gequält, verkrampft. Denn Harmonie ist für Hrdlicka eine Lüge. In hüllenloser Nacktheit und in Bewegungen offenbart sich das Innerste des Menschen. Hrdlickas Stil ist erzählerisch, er schildert Menschen und deren Milieu drastisch, ironisch, karikaturistisch überzogen, sarkastisch, provokant, aber auch humorvoll und immer treffsicher aufgrund profunder Menschenkenntnis. Viele Figuren, manchmal mehrere Szenen füllen die mit kleinen Strichen gestalteten, meist auf schwarz-weiß reduzierten Blätter, die oft skizzenhaft bleiben, dann aber wieder stärker ausgearbeitet sind von einem handwerklich perfekten Künstler.  
Man muss sich lange einsehen in Hrdlickas Bilder. Dabei möchte er nicht, dass Kunst interpretiert werden muss. Aber seine Arbeiten illustrieren nicht wörtlich die Vorlage, sondern ordnen alles der Thematik der Erforschung des Menschlichen unter, lassen persönliche Erlebnisse und aktuelle Verweise einfließen. Er hat Radierzyklen geschaffen zu historischen Themen wie zur Französischen Revolution, zum Stauffenberg-Attentat, zu Persönlichkeiten aus Kunst, Theater, Musik und Literatur, zu biblischen Geschichten und z.B. auch über den Massenmörder Haarmann.
Die Arbeiten hier in der Ausstellung sind weitgehend nach ihrer zeitlichen Entstehung und nach Zyklen geordnet. Es beginnt mit einer frühen Aktradierung von 1959 und endet mit dem zum Teil übergroß-formatigen Zyklus der Französischen Revolution in den 80er Jahren.
Eines seiner bedeutendsten Werke, das aus drei Zyklen zwischen 1964-66 besteht, ist der „Beitrag zur Kunsttheorie des 20. Jhs.“. Hierzu gehört der Zyklus „Johann Joachim Winckelmann“, einem Kunsthistoriker und Archäologen des 18. Jhs., der die griechische Antike als das absolut Schöne verherrlichte, selbst aber auf grausamste Weise Opfer seiner Homosexualität bzw. seines Umgangs mit zwielichtigen Gestalten wurde. Hrdlicka sieht Winckelmanns Weltordnung als völlig unrealistisch und unmenschlich an, ebenso wie die Ordnung eines Piet Mondrian, dem der zweite Zyklus dieses Werks, „Roll over Mondrian“ gewidmet ist. Der abstrakt-geometrisch arbeitende Maler (1872-1944) gliederte seine Bilder in Felder, die er nur sparsam mit Farbe besetzte. Für ihn stand Kunst über der Realität, Hrdlicka empfindet Mondrians Kunst als zu beliebig. So hat Hrdlicka die Felder mit drastischen Szenen zum Thema „Sex, Sadismus und Gewalt“ gefüllt. Der dritte im Bunde ist der Massenmörder Haarmann aus Hannover, der bis 40 Knaben und junge Männer, seine Liebhaber, umgebracht und zerstückelt hat. Unauffällig wie er war, und zudem noch Polizeispitzel, wurde er erst 1924 entdeckt und guillotiniert, nachdem ihn sein vermeintlich bester Freund verraten hatte. Hrdlicka bezeichnet ihn als seinen politischster Zyklus. Haarmann war für ihn der Prototyp des Nazi – er mordete sozusagen „kunstvoll“, ähnlich durchorganisiert, präzise und systematisch wie der Holocaust. Diese Zyklen verbildlichen, wie „erdrückend“ eine bestimmte Ordnung sein kann.
„Sex and crime“ ist auch Thema des Zyklus‘ „Martha Beck“ (1962/63). Dies ist die wahre Geschichte einer Krankenschwester, die nach dem II. Weltkrieg aus Eifersucht und Liebe zu ihrem Geliebten Ramón ihre potentiellen Rivalinnen vergiftete und dafür hingerichtet wurde. An dem Drama, über das Hrdlicka erst später durch Comics erfuhr, interessierte ihn speziell die weibliche Psyche in extremer Gefühlslage, Martha ist eine der vielen Mörderinnen in seinem Werk.
Dem italienischen Filmregisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, der 1975 auf brutale Weise ermordet wurde, widmete Hrdlicka eine Mappe mit 38 Radierungen. Wie Hrdlicka war auch Pasolini kommunistisch orientiert, radikal und kompromisslos im Denken und authentisch in der künstlerischen Aussage, ein Wesensverwandter. Zudem hatte er wie Hrdlicka eine schwierige Jugend. Seine besonders grausame, nie ganz aufgeklärte Ermordung hing mit seiner Homosexualität zusammen. Hrdlicka gibt auf drastische Weise Einblicke in die Lebensgeschichte und Filme von Pasolini.
Einer der großen Zyklen von Hrdlicka zur Erforschung der verborgenen Zustände des Menschen zwischen Wahn und Wirklichkeit ist „Randolectil“ (1968). Hier verbrachte er, wie bereits erwähnt, mehrere Wochen in einer Nervenheilanstalt, um die Welt der psychisch Kranken zu erforschen und deren Erlebniswelt bildlich darzustellen. Der Zyklus ist benannt nach dem Beruhigungsmittel „Randolectil“. Er hat großen Eindruck auch bei Ärzten gemacht.
Der Zyklus „Wie ein Totentanz“ (1974) schildert das missglückte Attentat auf Hitler durch Stauffenberg am 20.7.44. Hier holt Hrdlicka weit aus, deckt nicht nur die Hintergründe auf und schildert den Hergang, sondern führt die Geschichte weiter bis in die damalige Gegenwart der 70er Jahre, zur Folter der Militärjunta in Chile. Es ist eine Geschichte des Militarismus geworden – von Friedrich dem Großen bis zum Sturz Allendes, die verbildlicht, dass historische Ereignisse sich immer wiederholen – ein Totentanz, ein Kreis ohne Ende. Ein weiterer historischer Zyklus ist der der „Französischen Revolution“ von 1789, fertiggestellt 200 Jahre danach. Es ist der umfangreichste, technisch variationsreichste Zyklus Hrdlickas. Auch hier holt er inhaltlich weit aus, beginnt bei den Rousseauschen Grundgedanken über die Revolution, schildert in vielen Greuel- und Massakerszenen die Ereignisse, die Zeit Napoleons bis hin zu den Revolutionsfeiern und den Hinrichtungen.
Zuletzt seien noch seine Bibel-Illustrationen erwähnt. Hrdlicka ist kein religiöser Künstler. Sein Interesse an der Bibel, die er als das für ihn erotischste Buch bezeichnet, beruht auf den hier geschilderten Geschichten, die vom prallen Leben sprechen, dramatisch, nur allzu menschlich, extrem, blutrünstig wie die Geschichte von Samsons grausamer Rache, nachdem man ihm die Kraft, die in seinen Haaren lag, genommen hatte, oder die männermordende Judith sowie die wundersame Geschichte von Lazarus, der durch Jesus von den Toten auferweckt wurde.

Alfred Hrdlicka setzt auf ganz eigene, originäre Weise – so Christian Lenz 1994 in einem Katalog –, mit seiner Kunst eine weit zurückreichende Tradition fort, innerhalb derer es immer um den Menschen gegangen ist... Er schafft uns, bei aller Skepsis gegenüber Aufklärung, die Möglichkeit, den Menschen besser zu verstehen; (und) indem dies durch eine innige Verbindung von Ernst und Spiel geschieht, ist der höchste Anspruch an Kunst eingelöst.“

 
 
 
 
 
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