Multiples – künstlerische Serienobjekte
NEUE GALERIE LANDSHUT
Verein für aktuelle Kunst im Gotischen Stadel auf der Mühleninsel
1.-23.5.1999
KünstlerInnen: Kim Abeles/US, Martin Berghammer/DE, Heiko Bressnik/AT, Uwe Bressnik/AT, Tracey Brinson/US, Angelica Chio/MX, Steve Deihl/US, Endart/DE, Martin Figura/DE, Meighan Gale/US, Sabine Gross/DE, Jochem Hendricks/DE, Ottmar Hörl/DE, Katharina Hohmann/DE, Jenny Holzer/US, Rudolf Huber-Wilkoff/DE, Andreas Ilg/DE, Dorothy Jiji/US, Steve Keister/US, Barbara Kruger/US, Vollrad Kutscher/DE, David Lamb/US, Werner Linster/DE, Susan Mastrangelo/US, Martin Noll/DE, Enrique Palma/Chile, Marius Pfannenstiel/DE, David Sandlin/US, Leo Schatzl/AT, Ignaz Schick/DE, Sebi Seebauer/DE, Ward Shelley/US, Fabio Zolly/AT
Text zur Ausstellung, Petra Noll

Diese Ausstellung ist eine erweiterte Präsentation der im Januar 1999 in der Galerie SCHAURAUM in Eggenfelden gezeigten gleichnamigen Ausstellung. Zum Medium:
Im allgemeinen werden unter multiples künstlerische Objekte verstanden, die nicht als Unikate existieren, sondern als Edition (engl/franz. multiple: vielfach, vielfältig, von lat: multiplicare: vervielfältigen). In der erweiterten Definition, wie sie auch von Joseph Beuys vertreten wurde, beinhaltet der Begriff sämtliche „Kunst in Auflage“. Diese Ausstellung, die im kleinen Rahmen bereits in der Galerie SCHAURAUM in Eggenfelden-Gern gezeigt wurde, konzentriert sich auf Serienobjekte.

Ein multiple gewinnt seine Identität gerade erst durch die vermehrte Produktion. Meistens gibt es einen Prototypen für eine Auflage. Die einzelnen Stücke dieser Auflage können identisch sein oder aber geringfügig in Material, Farbe, Verarbeitung oder Größe variieren. Multiples entstehen in limitierter oder unlimitierter Edition: Je nach Nachfrage kann sich die Produktion über Jahre erstrecken. Die Stücke gehen signiert und unsigniert, nummeriert oder unnummeriert in den Handel. Es gibt manuell oder industriell angefertigte Serienobjekte in den verschiedensten Stilen und Techniken, wobei nicht alle Arbeitsgänge vom Künstler persönlich ausgeführt sein müssen, er aber als Editeur für Entwurf und letzte Überarbeitung zuständig ist. Die Qualität von multiples liegt in deren großer Verbreitungmöglichkeit und der relativ günstigen Preise. Rezipienten empfinden erfahrungsgemäß eine spontane emotionale und haptische Nähe zu den vielfach relativ kleinen Objekten, hinter deren oft spielerisch-witziger Verlockung meist ein Konzept verborgen liegt. Multiples aus frühester Zeit sind u.a. ägyptische Siegel und afrikanische Masken. „Begründer“ dieses Genres ist im weitesten Sinn Marcel Duchamp mit seinen Ready mades (erstes: 1913), vorgefundenen, meist geringfügig veränderten und signierten Gebrauchsgegenständen in geringer Auflage, die er im Kunstkontext  präsentierte, ein Angriff auf die Kunst als „Höhere Empfindung“. Für diese Idee funktionierte ein Duplikat ebenso wie „das Original“. Auch für Joseph Beuys war das multiple in erster Linie Ideenträger: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physikalischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“ Duchamp war nicht der einzige, der schon früh die „Einzigartigkeit“ eines Kunstwerks angriff. Laszlo Moholy-Nagy ließ 1922 die „Telephone pictures“ schaffen. Er bestellte per Telefon fünf Bilder aus Porzellan, die eine Fabrik nach seinen Angaben von Komposition, Farbe, Größe usw. anfertigte.  Der Begriff multiple stammt von dem Schweizer Eat Art-Künstler und Unternehmer Daniel Spoerri. Dieser publizierte 1959 die „Collection 59“ in seiner Edition MAT (Multiplication d’Art Transformabel). In einer Auflag von 100 Stück brachte er Portfolios mit je 14 Objekten von Künstlern von Duchamp bis Vasarely heraus. Der große Verkauf allerdings blieb aus. Man war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit, so eine „unsichere“, da nicht einmalige (also nicht „wertvolle“), vom Material her nicht aufwändige (also nicht „edle“, dauerhafte) und preisgünstige Kunst zu sammeln. Diese Bedenken reichen teilweise noch bis in die Jetztzeit.
Das Objekt in Auflage fand dann neben anderen Serientechniken – wie dem Siebdruck – in den 1960er-Jahren große Verbreitung. Die ersten Ausstelllungen und Veröffentlichungen über multipes gab es in Europa zuerst in Köln (1968), dann in Berlin, London und Hamburg. In den USA wurde 1971 eine erste Ausstellung nur mit multiples in Philadelphia eröffnet. Das multiple zog dann ins Museum ein, Galeristen waren begeistert. Bei der breiten Masse fand es aber nicht den erwarteten Zugang, sondern wurde Sammlerobjekt elitärer Clubs. In die Vorstellungen der Fluxus-Künstler der 1960er-Jahre passten die Auflagenobjekte in besonderem Maße: die günstigen Preise, die spielzeugartige Wirkung, die Verwendung alltäglicher Materialien und die teilweise zum Benutzen konzipierten multiples entsprachen dem sozialen Ideal der Bewegung. In der Pop Art entstanden zahlreiche multiples zu den Themen Werbung, Alltag und Lebensmittel – häufig aus Plastik, das zu dieser Zeit seinen Einzug in die Kunst vollzog. Die multiples der Pop Art – wie beispielsweise Andy Warhols „Silver coke bottle“ von 1967 oder seine mit Helium gefüllten Ballons „Silver clouds“ (1966) – waren verspielter als die damalige sehr viel kopflastigere deutsche Kunst (u.a. Beuys, „Intuition“, 1968). Das Prinzip der Serienherstellung als Element unserer modernen Gesellschaft vollzog Andy Warhol im Kunstkontext großangelegt in seiner „factory“. Auch Claes Oldenburg setzte auf Kunst als alltägliche Produktion. In „The Store“ (Dez. 1961–Jan. 1962) verkaufte er alle möglichen Gegenstände – von Socken bis Schokolade – in Form von aus bemaltem Gips und Musselin hergestellten multiples. In der Biancini Gallery in New York City wurde 1964 „The American Supermarket“ eingerichtet, in dem Pop Art-Lebensmittel-multiples ausgestellt waren (u.a. Roy Lichtensteins riesiges „hot dog“, Warhols Campbell-Dosen und Brillo-Boxen). Eine besondere Dimension eröffnet auch die massenhafte Präsentation gleicher oder sehr ähnlicher multiples als Rauminstallation. Für Ottmar Hörl/Frankfurt, Träger des „art multiple“-Preises Düsseldorf und hier in der Ausstellung vertreten, ist die Serie Teil seines skulpturalen Konzepts. 4000 vorwiegend schwarze und weiße Gartenzwerge aus Plastik platzierte er 1998 auf dem Max-Joseph- Platz in München vor der Oper und ironisierte damit die Bürgerlichkeit der Gesellschaft. Installative Arbeiten mit multiples zeigen in der Ausstellung: Andreas Ilg, Steve Keister und Susan Mastrangelo. Interaktiv in Verbindung mit Technik arbeiten Vollrad Kutscher, Leo Schatzl und Martin Berghammer.  In der Spannbreite von witzig, ironisch bis hin zu dadaistisch befinden sich die als Einzelstücke präsentierten Auflagenobjekte von Heiko und Uwe Bressnik, Endart, Sabine Groß, Jochem Hendricks, Katharina Hohmann, Rudolf Huber-Wilkoff, Enrique Palma, Marius Pfannenstiel, Ignaz Schick, Ward Shelley, und Fabio Zolly. Multiples als Spiele zeigen die Berliner KünstlerInnen Angelica Chio, Werner Linster, Martin Figura und Martin Noll.
Schrift als wichtigen Bestandteil ihrer multiples verwenden Rudolf Huber-Wilkoff, Jenny Holzer und Barbara Kruger sowie David Sandlin. Im Grenzbereich der gesetzten Definiton bewegen sich Kim Abeles, Steve Deihl, Meighan Gale, Dorothy Jiji, David Lamb sowie Sebi Seebauer.
Die große Anzahl der in der Ausstellung vertretenen KünstlerInnen aus den USA und Europa erlaubt die Darstellung einer großen Bandbreite von Stilen, Techniken und Vorstellungen zum Thema multiple und die Möglichkeit einer abwechslungsreichen, raumbezogenen Präsentation

 
 
1) Ausstellungsansicht
2) Ausstellungsansicht
 
 
  • 1Ausstellungsansicht
  • 2Ausstellungsansicht