ROBERT HAMMERSTIEL. ICH UND DIE ANDEREN, HOMMAGEN AN DIE KUNST
SchlossÖkonomie Eggenfelden-Gern
84307 Eggenfelden-Gern/DE
24.10.2009–31.1.2010
Vernissagenrede am 24.10.2009, Petra Noll:

Der Maler, Zeichner und Grafiker Robert Hammerstiel ist ein Künstler, dessen Werk in ganz besonderem Maße von seinem bewegten Lebenslauf geprägt ist. 1933 wurde er als Kind deutscher Auswanderer in Werschetz im Banat im heutigen Serbien geboren. Als Elfjähiger erlebte er die Vertreibung der deutschen Bevölkerung durch die sowjetischen Truppen und die jugoslawische Befreiungsarmee; er selbst durchlitt bis 1947 schwere Jahre in vier Internierungslagern, wo er den Tod zahlreicher ihm nahestehender Menschen erleben musste, bis ihm, seiner Mutter und seinem Bruder die Flucht über Ungarn nach Österreich gelang.
Robert Hammerstiel erlernte in seinem neuen Wohnort Ternitz/Pottschach in Niederösterreich, wo er heute noch lebt und arbeitet, den Bäcker-Beruf seines Vaters. Als der Vater, der auch Ikonen- und Schildermaler war, aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, erteilte er dem Sohn Unterricht im Malen und Zeichnen. 1958 erhielt Robert Hammerstiel durch die Teilnahme an einem Wettbewerb des österreichischen Gewerkschaftsbundes den Förderpreis für Malerei und damit die Möglichkeit, an der Wiener Kunstakademie zu studieren. Während des Studiums arbeitete er zusätzlich noch bis 1979 unter härtesten Bedingungen als Gießer in einem Stahlwerk in Ternitz. Ende der 60er Jahre begann er, sich auch künstlerisch mit seinen traumatischen Kindheitserlebnissen auseinanderzusetzen, was sich in einer dunklen, ja düsteren Farbpalette niederschlug. Die folgenden Jahre waren geprägt von Reisen in die alte Heimat, in Europa, in die USA und Afrika sowie von zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. Robert Hammerstiel wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. 1998 mit dem Goldenen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kultur der Republik Österreich, zuletzt 2008 mit dem St. Leopold-Friedenspreis für humanitäres Engagement in der Kunst. 1985 wurde ihm der Ehrentitel „Professor“ durch den Österreichischen Staat verliehen.
Seit 1988 ist er ausschließlich als Bildender Künstler tätig; es war ein entscheidendes Jahr für ihn: er reiste nach New York, eine offene, lebensbejahende, schrille Welt, die ihn faszinierte und seine Farb- und Formgebung radikal veränderte. 1999 schrieb Robert Hammerstiel den ersten Teil seiner Autobiografie, der zweite Teil erschien 2007.
In den letzten Jahren hat der Künstler vor allem durch seine großen Einzelausstellungen im Wiener Künstlerhaus und im Leopold-Museum Wien, das ihm als einzigem lebenden Künstler Ausstellungen ausrichtet und zahlreiche seiner Werke in seiner Sammlung hat, sowie mit der malerischen Verhüllung des Wiener Ringturms von sich reden gemacht.
Hier in dieser Ausstellung werden in erster Linie Arbeiten der letzten zehn Jahre gezeigt. Den Hauptteil im linken Teil der Ausstellung nehmen ca. 40 Hommagen an Künstler und Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts ein, dazu gibt es ca. 20 Arbeiten anderer Themen, diese sind chronologisch nach Entstehungsjahren im rechten Teil der Ausstellung präsentiert. Robert Hammerstiels künstlerische Medien sind Holzschnitt, Zeichnung und Malerei, in früherer Zeit malte er vorwiegend in Öl, heute in Acryl. Seine Themen sind religiöse Zyklen, Arbeiten zu verschiedenen Dichtern und Komponisten, wie z.B. zu Schuberts Winterreise, in erster Linie aber alltägliche Situationen, die er verknüpft mit Erinnerungen an Erlebnisse der Vergangenheit. Immer begleitet ihn die Musik – Schubert, Bach, aber auch die serbische Volksmusik u.v.m. bei seiner Arbeit.
Robert Hammerstiel ist ein abstrahierend gegenständlich arbeitender Maler. Im Kontrast zu seinen in Schwarz-Weiß gehaltenen Holzschnitten, die ich hier im vorderen Teil der Ausstellung präsentiert habe, und auch im Gegensatz zu seinen frühen dunklen, ja mystischen Bildern malt er seit dem Ende der 80er Jahre, seit seiner New York Reise Bilder in einer zunehmend reduzierten Formensprache und einem extrem-grellfarbigen Kolorit, das ihn in die Nähe der US-Pop-Art rückt, auch was die Raumkonzeption und die Glätte des Farbauftrags betrifft. Aber zur Pop Art sagt er auch: „Die Bilder finde ich faszinierend, was Komposition und Farbe betrifft, aber sie haben keine Magie. Es fehlt das Unheimliche, das Geheimnis. Irgendein Geheimnis will der Mensch ja haben! Er muss irgendetwas Magisches haben, etwas Transzendentes. Und ich dachte mir, ich könnte doch so malen, dass ich die Pop-Art benütze und dabei extrem magisch werde…“.
Das Spezifische seiner Bilder sind die eingefügten, den Raum mehr oder weniger dominant besetzenden leuchtend-monochromen – oft in den emotionsgeladenen Farben Rot und Orange gehaltenen – Figuren, die ganz von Innenleben und Gesichtern befreit und auf Haltung und Gestik reduziert wurden. Ihre Schablonenhaftigkeit – die ihren Ursprung auch in der Ikonenmalerei seiner serbischen Heimat hat – macht sie geheimnisvoll, ja unheimlich, es steckt tatsächlich etwas Magisches in Robert Hammerstiels Bildern… . Die radikale formale und farbliche Reduktion steht für seine thematische Konzentration auf das Elementare, das Wesentliche des Lebens: er versucht, das Wesen des Menschen darzustellen, sein Verhalten, seine Gefühle, sein Leid und seine Freude, seine Wünsche, seine Motivation in bestimmten Lebensumständen. Hinter den schönen Farben und Formen steckt die Tragik der menschlichen Existenz mit Gefühlen und Zuständen wie Einsamkeit, Eingesperrtsein, Getriebensein, Entbehrung, Gewalt, Tod, aber auch Glaube, Liebe, Würde, Geborgenheit, Freundschaft, Mutterschaft. Hammerstiels Menschen sind keine Individuen, obwohl Erinnerungen und Bezüge zu ihm nahestehenden Personen zugrunde liegen. In den meisten Fällen malt er Frauen bzw. Mütter. Sie waren die wichtigsten Bezugspersonen in seiner Kindheit. „Die Antriebskraft für meine Malerei“, so sagte Robert Hammerstiel bereits 1993, „ist die innere Notwendigkeit, die Erfahrungen meiner Vergangenheit und Gegenwart in ein Symbiose zu bringen. Alles Erahnte und Erschaute ist mir Mysterium. Farbe und Form versetzen mich nicht nur in Euphorie, sondern sie geben mir die Möglichkeit Statik und Bewegung in ein Gleichmaß zu bringen, das ich durch meine Arbeiten auszudrücken versuche“.
Seine Bilder sind Auseinandersetzungen mit Raum, der bei Hammerstiel immer in die Tiefe gestaffelt ist: Wie wird der Raum aufgeteilt, wie verhalten sich die Figuren zueinander und zum Raum, welche Rolle spielen Farbe und Form, wie weit kann die Form noch vereinfacht und gleichzeitig verklärt und mystifiziert werden, wie kann immer wieder neu kompositorische Spannung erreicht werden, ohne die Harmonie einer Maniriertheit zu opfern. Die Menschen in seinen Bildern befinden sich meist in Innenräumen, die überall auf der Welt sein können, oft steht ein Tisch in der Mitte, die Beleuchtung ist fast immer eine künstliche. Aber auch im öffentlichen Raum werden sie dargestellt, im Zug, im Krankenhaus, auf dem Markt, in der Stadt, immer stehen sie in Beziehung zueinander, sind in Gespräche verwickelt, agieren in alltäglichen, manchmal aber auch in nicht zu definierenden Tätigkeiten.
Zu den Hommagen: Den Zyklus der Hommagen, der dieser Ausstellung den Titel „Ich und die anderen“ gibt, begann er (bis auf wenige frühere Arbeiten) im Jahr 2003, über 120 Werke sind seitdem entstanden, eine komplette Liste der bisher entstandenen Hommagen finden Sie am Beginn der Ausstellung Das erste Bild ist dem französischen Impressionisten Auguste Renoir gewidmet, das zuletzt in diesem Jahr entstandene dem spanischen Surrealisten Salvador Dali. Robert Hammerstiel beschäftigt sich in den Hommagen mit den Werken von Künstlern unterschiedlichster Stilrichtungen. Es sind Werke von Künstlern und Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die wesentlich für ihn sind, die ihn inspirieren und – durchaus auch kontrovers – berühren. Hammerstiel versteht seine Hommagen weniger im ursprünglichen Sinn als Ehrerbietung, sondern vielmehr als intensive Beschäftigung mit Leben, Werk, Bildsprache und Denken der ausgewählten Künstlerpersönlichkeiten. Wir finden hier nicht nur Werke von großen Meistern der neueren Kunstgeschichte, sondern auch weniger bekannte Künstler, die er schätzt – allen voran einer seiner Lieblingsmaler, der Amerikaner Milton Avery oder auch Maler aus seiner serbischen Heimat wie seinen Vater, den Ikonenmaler Anton Hammerstiel (1906-1979). Vielen dieser Künstler ist, wie Robert Hammerstiel selbst, großes psychisches und physisches Leid auf ihrem Lebensweg widerfahren bzw. haben sie Leid in der Welt empfunden und malerisch umgesetzt.
Robert Hammerstiel verbindet Zitate bzw. Ausschnitte aus Werken der ausgewählten Künstler mit seinen oft grellfarbig-monochromen, schemenhaften bzw. formal auf das Wesentliche verdichteten Gestalten zu einem spannenden Dialog: manchmal nehmen sie an der Handlung des abgebildeten Gemäldes teil, mal sind sie stille Beobachter, ein anderes Mal Vermittler zwischen Kunstwerk und Betrachter des Bildes. Häufig handelt es sich um Menschen und Tiere aus Hammerstiels Leben.
Von diesen Hommagen gibt es einen hier zum Kauf angebotenen Katalog, der anlässlich der Ausstellung „Robert Hammerstiel. Hommagen“ im Künstlerhaus Wien im Jahr 2007 erschienen ist; er enthält zu jedem Bild einen Kommentar von Hammerstiel zu dem ausgewählten Künstler.
In der Ausstellung vermitteln zudem zwei Videos Informationen über sein Leben und seine Kunst.

 
 
Ausstellungsansichten
Hommagen an verschiedene Maler
Acryl oder Öl auf Leinwand, unterschiedliche Jahre und Maße
 
 
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